Regionale Wurzeln für Wachstum nutzen

Interview mit Marco Thiele, Geschäftsführer der Kathi Rainer Thiele GmbH (Halle)

Von Tim Gabel am 04.05.2020

Die Geschichte der Marke Kathi ist voller Höhen und Tiefen und eng verbunden mit den politischen Entwicklungen in Ostdeutschland. Nach der Reprivatisierung im Jahr 1992 ist die Kathi Rainer Thiele GmbH durch die Verbindung von Tradition, Regionalität und Innovation stetig gewachsen.

Das Firmengebäude der Kathi Reiner Thiele GmbH in Halle.

Das Firmengebäude der Kathi Reiner Thiele GmbH in Halle. (Foto: Kathi Rainer Thiele GmbH)

 

1. Was stellt Ihre Firma her, bzw. welche Dienstleistungen bieten Sie an?

Neben der Herstellung und dem Vertrieb von Backmischungen ist der Vertrieb unseres Kathi Mehls ein Hauptbestandteil unseres Kerngeschäfts. Zudem vertreibt die Firma Aldente unter der Marke Kathi Gebäcke zum sofort vernaschen. Im Jahr 2015 haben wir eine hauseigene Eventbäckerei eröffnet, die „Kathi’s Backzauber“ heißt. Hier können die Kunden unsere Vielfalt selbst erleben und Hand anlegen. Von Tortendekorationskursen über Kindergeburtstage bis hin zu Teamevents, Plätzchenbäckereien und Weihnachtsfeiern – erfahrene Konditor- und Bäckermeister machen die Marke Kathi erlebbar. Seit 2019 können Kunden mit dem Backservice auch frisch Gebackenes aus Kathis Meisterhand genießen. Kleine Gebäcke für das Kuchenbuffet, eine Torte zum Geburtstag oder die herzhafte Pizza zum Mittagessen mit den Kollegen. Sogar individuell gefertigte und mit dem Firmenlogo versehene Leckereien als kleine Aufmerksamkeit für die Geschäftspartner sind inzwischen im Portfolio.

 

2. Auf welche Weise ist Ihre Firma gewachsen?

Kathi ist die regionale Nr. 1 in Ostdeutschland und mit 48,7 % Marktführer für Backmischungen sowie national auf dem zweiten Platz. Wir waren in Halle schon immer ein Familienunternehmen und sind seit 1951 Spezialist für das Backen. Der Erfindergeist meiner Großmutter Kaethe Thiele war unermesslich. Das Tortenmehl, das sie entwickelt hat, ist eine Art Allroundbackmischung und bis heute Bestandteil vieler Produkte der Marke Kathi. Die Backmischungen wurden jedoch schon bald um die Sortimente Fertiggerichte wie Kartoffelpuffer, Saucen, Tütensuppen und Klöße erweitert. Kathi war damals aus der ostdeutschen Küche nicht mehr wegzudenken und wuchs bis 1957 auf eine Mitarbeiterzahl von ca. 80 Beschäftigten heran.

Nach der Einführung staatlicher Zwangsregulierungsmaßnahmen ist die Familie allerdings am 1. April 1972 endgültig durch die staatlichen Organe der DDR enteignet worden. Der Betrieb wurde dann unter dem Namen VEB Backmehlwerk Halle weitergeführt und auf die Sparte der Backmischungen reduziert. Nach der Wende, im Februar 1990, stellte mein Vater, Rainer Thiele, den Reprivatisierungsantrag. Kathi war nach der Wende jedoch nach wirtschaftlichen Maßstäben unrentabel. Das Wegbrechen des Heim-Marktes, der Zusammenbruch des Exports, die fehlende Kapitaldecke, ein Überhang an Beschäftigten und die veralteten Produktionsanlagen machten unserer Firma zu schaffen. Nach der Bewilligung des Reprivatisierungsantrags wurde im Jahr 1992 die KATHI Rainer Thiele GmbH gegründet und startete mit vielen Erfahrungen und ganz neuer Kraft. Heute hat Kathi wieder rund 90 Mitarbeiter und ein wachsendes Sortiment.

 

Rund 90 Mitarbeiter arbeiten für die Marke Kathi in Sachsen-Anhalt.

Rund 90 Mitarbeiter arbeiten für die Marke Kathi in Sachsen-Anhalt. (Foto: Kathi Rainer Thiele GmbH)

 

3. Welche Strategie steckte hinter dem Wachstum?

Als regionales und mittelständisches Familienunternehmen geben wir unseren Kunden das Versprechen, in allen Produkten, Backmischungen wie Mehlen, hochwertige und vor allem regionale Rohstoffe zu verwenden. Das schafft Vertrauen. Unsere Wachstumsbausteine sind Tradition und Innovation, Kompetenz, Qualität sowie Authentizität als Familienunternehmen. Mit dem sogenannten Ährenwort-Konzept ist unsere Regionalität als fester Baustein in die Produktionsprozesse integriert: Das umweltschonende und umfassende Qualitätsprogramm „Ährenwort“ steht für regional erzeugtes Getreide, wobei „regional“ in diesem Zusammenhang tatsächlich Anbaugebiete in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Brandenburg meint. Aus und mit der Region zu wachsen, das ist unsere Wachstumsstrategie. Ährenwort beinhaltet darüber hinaus den Anbau mehrjährig geprüfter Getreidesorten mit hoher Backqualität, bedarfsgerechte Düngung und Pflanzenschutz nach intensiver Kontrolle der Pflanzen sowie regelmäßige interne und externe Laborkontrollen. Der Verbraucher kann darauf vertrauen, dass alle Prozesse durchgehend überwacht und dokumentiert werden. Ährenwort garantiert die lückenlose Rückverfolgung der Produkte von der Ladentheke bis zum Feld und so entstehen natürliche Backwaren aus kontrolliertem Getreideanbau.

Doch Kathi-Produkte stehen nicht nur allein durch das Ährenwort-Konzept für Regionalität. Insgesamt stammen bei Kathi ganze 84,3 % aller eingesetzten Rohstoffe aus den Regionen Sachsen-Anhalt, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Neben Mehl als Hauptrohstoff für unsere Backmischungen sind das vor allem die Rohstoffe Raffinade und Weizenstärke. Der sehr kleine Anteil der restlichen Rohstoffe, die nicht aus der hiesigen Region stammen, muss zwangsläufig aus anderen Regionen zugekauft werden, weil sie bei uns nicht verfügbar sind.

 

4. Welche Herausforderungen sind durch das bzw. beim Wachstum gemeistert worden?

Unsere bewegte Geschichte hat viele Herausforderungen mit sich gebracht. Ob Zwangsregulierungsmaßnahmen, Enteignung, Wendezeit oder auch die heutigen Gegebenheiten in der sozialen Marktwirtschaft: Jede Zeit birgt verschiedene Schwierigkeiten, die es zu meistern gilt. Als inhabergeführtes und mittelständisches Familienunternehmen fehlt es uns natürlich an finanzieller Schlagkraft. Jedoch haben wir eine unglaublich treue Kundschaft, die die Qualität und Alleinstellungsmerkmale unserer Produkte zu schätzen weiß. Wir sind ein familiäres Team, in dem sich jeder auf den anderen verlassen kann und mit anpackt. Nicht umsonst kommen viele Innovationen im Backmischungsbereich aus unserem Unternehmen: Ob die erste Backmischung für den Grill oder die erste Backmischung mit weniger Zucker: Backen ist für uns Begeisterung und wir wollen auch unsere Kunden dazu animieren, Neues auszuprobieren. Gleichzeitig sind wir uns unserer Traditionen und Wurzeln bewusst und fest in der Region verankert: Unser Papageienkuchen etwa ist ein Klassiker zum Kindergeburtstag den Viele auch noch von früher kennen.

 

Der Geschäftsführer Marco Thiele. Das Unternehmen ist seit drei Generationen in Familienbesitz.Der Geschäftsführer Marco Thiele. Er führt das Familienunternehmen in dritter Generation.  (Foto: Kathi Rainer Thiele GmbH)

 

5. Ihr Tipp für Unternehmenswachstum in Kürze!

Als Familienunternehmen sind wir authentisch und verantwortungsvoll. Als Marke verknüpfen wir Tradition und Innovation und machen das Backen erlebbar. Wir sind regional verankert und bringen uns in unserem Umfeld ein – ob als Sponsor, Partner oder Pate. Für unser Engagement sind wir bereits mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Ethikpreis und dem n-tv Hidden Champion. Aber das Wichtigste bleibt: Kathi Kuchen ist etwas Besonderes und schmeckt wie selbstgemacht!

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