Gegen die Großen über sich hinauswachsen

Interview mit Ghazaleh Koohestanian, Gründerin der re2you GmbH mit Sitz in Berlin

Von Anja Luckas am 02.08.2021

Um marktbeherrschenden Unternehmen wie Apple und Microsoft etwas entgegenzusetzen, gründete Ghazaleh Koohestanian im Jahr 2012 ihr Unternehmen re2you. Durch die von ihr entwickelte Software, bekommen Nutzer die Souveränität über ihre Daten wieder zurück. Ein finanziell verlockendes Angebot von Google lehnte die junge Unternehmensgründerin damals selbstbewusst ab. Heute hat ihr Unternehmen 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an Digitalisierungsprojekten unter anderem in den Bereichen Mobilität, Smart-City, Energie und Bildung arbeiten. Warum sich das Durchhalten gelohnt hat und welche Vision die Software-Entwicklerin noch hat, verrät Ghazaleh Koohestanian im Interview.

 

Ghazaleh Koohestanian, CEO/Founder des Berliner Unternehmens re2you

 

Was stellt Ihre Firma her bzw. welche Dienstleistungen bieten Sie an?

Die von mir bereits 2012 entwickelte Software, der sogenannte Cloud Browser, ist so etwas wie ein „Schnellstarter Kit“ für kleine und mittelständische Unternehmen, mit dem wir ihnen die Hoheit über ihre Daten wieder zurückgeben. Das heißt, wir harmonisieren eigentlich inkompatible Betriebssysteme, Endgeräte und Applikationen unterschiedlichster Anbieter wie beispielsweise Apple, Microsoft und Google. So wird die Hardware am Ende obsolet. Wir bieten dies als White-Label-Lösung an. Der Kunde erwirbt also bei uns eine Lizenz, und die Software läuft ausschließlich auf seinen Servern. Denn anders als die international agierenden Monopolisten wollen wir die Daten nicht einsperren, sondern sie befreien und den „Eigentümern“ zurückgeben.

 

Auf welche Weise ist ihre Firma gewachsen? (Mitarbeiter, Umsatz etc.)

Die Gründungsidee hatte ich 2012. Damals war ich bei Google family für die strategische Produktentwicklung für kleine und mittelständische Unternehmen verantwortlich, deren monotheistischen Ansatz ich jedoch nicht länger unterstützen wollte. Noch im gleichen Jahr haben wir dann zu dritt re2you gegründet. Basierend auf der von mir entwickelten Software, die damals so etwas wie eine Pionierleistung darstellte. Doch Pioniere müssen ja bekanntlich erst sterben, um wahrgenommen zu werden ... Dieses Schicksal blieb uns zwar glücklicherweise erspart, doch die ersten zwei Jahre hieß es vor allem, dranbleiben und selbst an sich glauben. Danach ging plötzlich alles ganz schnell. Innerhalb von nur drei Wochen konnten wir große Namen aus der Automobilbranche und der Flugzeugindustrie als Kunden gewinnen. Danach sind wir kontinuierlich organisch gewachsen. Das heißt, alles was übrigblieb, wurde wieder ins Unternehmen gesteckt.

Heute hat unser Team 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der Regel projektbasiert in den Bereichen Smart City, Energie, Bildung und Mobilität arbeiten. Unter anderem agieren wir heute im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Digitalisierung, Staatministerin Dorothea Bär, als Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft für eine europäische Digitalisierung. Zu den neuesten Projekten von re2you gehört beispielsweise die Entwicklung einer Software zur Erkennung von Fake News sowie einer Anti-Manipulationssoftware.

 

Welche Strategie steckte hinter dem Wachstum? (Was ist der Grundgedanke)

Da wir auch als junges Start-up nie auf Venture Capital zurückgreifen konnten, mussten wir durch harte Arbeit überzeugen. Und sind so groß geworden. Gleichzeitig haben wir strategische Partner gesucht, um uns auf unser Kerngeschäft, den Entwicklungsprozess, konzentrieren zu können. So besteht unsere Arbeit derzeit beispielsweise noch bis zu 80 Prozent aus Beratungsleistungen für Kunden. Das haben wir jetzt in andere Hände gegeben, so dass wir schneller neue Produkte entwickeln können, um der chinesischen und amerikanischen Digitalisierung etwas entgegensetzen zu können.

 

Welche Herausforderungen sind durch das bzw. beim Wachstum gemeistert worden?

Als wir re2you gegründet haben, glaubte zunächst niemand, uns zu brauchen. Mit Ausnahme der Mobilitätsbranche, die traditionell ohnehin weniger Berührungsängste bei Neuentwicklungen hat als andere Branchen. Irgendwann hat mir dann Google ein Angebot gemacht. Man bot mir eine Viertelmillionen Euro, wenn ich meine Software auf ihren Servern laufen ließe. Ich habe abgelehnt. Nicht zuletzt Corona hat mir jetzt wieder gezeigt, dass wir gelernt haben, mit Unsicherheiten umzugehen und die Zeit konstruktiv zu nutzen. Wenn wir für ein Projekt Langsamkeit benötigen, nehmen wir uns diese. Das geht im Tagesgeschäft leider allzu häufig unter.

 

Ihr Tipp für Unternehmenswachstum in Kürze!

Wer neue Pfade gehen und sich stabil positionieren will, muss offen für Neues sein. Vor allem sollten wir nicht ständig nach Übersee schielen, sondern uns auf den eigenen Standort fokussieren und mit deutschen und europäischen Firmen zusammenarbeiten. Dann werden wir irgendwann ein demokratisches, europäisches Internet haben. Davon bin ich überzeugt.

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