Strukturen weiterentwickeln - Hörselberg Hainich 2019

Reportage vom Unternehmertreffen in Hörselberg-Hainich

Von Tim Gabel am 30.07.2019

Wenn ein Unternehmen wächst, müssen häufig Strukturen weiterentwickelt werden. Und ständige Anpassungen sind für Unternehmen notwendig, damit Wachstum überhaupt möglich wird. Welche Strategie Unternehmer dafür entwickeln können, das war das Thema beim Unternehmertreffen des BMWi-Dialogs „Unternehmen: wachen“ in Hörselberg-Hainich. von Tim Gabel

Das Luft und –Raumfahrtunternehmen LIFT Holding GmbH hatte an seinen Unternehmenssitz auf dem Kindel-Flugplatz in der Nähe von Eisenach eingeladen. Für die Unternehmer gab es einen „Nurflügel-Flugzeug“ zu bestaunen und jede Menge praktisches Wissen zum Change Management. Geschäftsführer Sven Lindig hat mit der Tochter HORTEN Aircraft GmbH einen Marketing-Coup gelandet: Die Weltpremiere des ersten zivilen Nurflügel-Flugzeugs HX2 in Friedrichshafen war ein voller Erfolg, sogar CNN berichtete. Die Luftfahrtsparte LIFT Air des Eisenacher Familienunternehmens machte zum Unternehmertreff die Türen auf, neben der Weltneuheit wurden auch die anderen Fluggeräte wie der Tragschrauber und die Leichtflugzeuge interessiert inspiziert. 

„Voneinander getrennte Abteilungen sind nicht optimal für die Wertschöpfung“

Nicht weniger spannend waren die anschließenden Impulsvorträge und die Debatte zu der Frage, wie man einem Unternehmen Flügel verleiht und welche Änderungen der Konstruktion bzw. Struktur dafür notwendig sind. Als er die LINDIG Fördertechnik GmbH 2011 von seinem Vater übernommen hatte, gab es ca. 160 Mitarbeiter im Kerngeschäft rund um Gabelstapler und Arbeitsbühnen. Das Wachstum in den Folgejahren war stark, heute sind hier über 350 Mitarbeiter beschäftigt.

Ab 2015 investierte der Unternehmer in den Aufbau neuer Sparten bzw. Geschäftsfelder. Aus der 1899 gegründeten Firma Lindig, die 1990 noch fünf Mitarbeitern hatte, ist inzwischen die LIFT Holding GmbH mit rund 500 Mitarbeitern geworden. Unter der Holding konnte ein Konsortium von Firmen zu unterschiedlichen Themen wachsen. Neben dem Kerngeschäft Intralogistik sind die Firmen nun in den Themenfeldern Digitalisierung, Energie und Umwelt sowie Luftfahrt unterwegs.

Soziokratie: Die Kunst der funktionierenden Zellteilung in einem Unternehmen

„Jedes der Themen stellt einen Mehrwert für die anderen dar. Wir haben darauf geachtet, dass wir hier ein gemeinsames Zukunftsgeschäft aufbauen“, sagt Sven Lindig. So könnte das Know-How im Bereich Luftfahrt gemeinsam mit den digitalen Kompetenzen der LIFT Holding eines Tages in Innovationen des Bereichs autonomer Lufttransport münden. Aufgrund der vielen unterschiedlichen Bereiche und den erhofften Synergieeffekten haben den Geschäftsführer von Anfang an Strukturfragen beschäftigt. „Eine Abteilungsstruktur ist für die Wertschöpfung nicht optimal, weil dabei einerseits Silos entstehen und andererseits Probleme immer weiter nach oben getragen und abgewälzt werden“, sagt Lindig.

Nach jahrelanger Beschäftigung mit dem Thema Strukturen strebt er für die LINDIG Fördertechnik GmbH eine Unternehmensform mit dem Titel Soziokratie an. Stelle man sich das Unternehmen als Kreis vor, arbeiteten in dem Kreis interdisziplinäre Teams in kleinen Gruppen miteinander. „Mit dieser Form der Zellteilung lässt sich das Wachstum besser bewältigen als in starren Strukturen“, so Sven Lindig.

Aufbau von Kooperationen für eine bessere Wahrnehmung

Dr. Reimund Meffert von der Batix Software GmbH beschrieb in seinem Vortrag die Auflösung starrer Hierarchien mit dem Begriff „new work“. Gerade für junge Mitarbeiter hätten die Werte „Selbstständigkeit, Freiheit und Gemeinschaft“ einen viel größeren Stellenwert als früher. Auch Batix setzt auf interdisziplinäre Teams von Entwicklern und Facharbeitern in Betrieben, für die Batix Anwendungen der Industrie 4.0 umsetzt. Hierdurch würde auch der Nährboden für anwendungsnahe Innovationen geschaffen. Für kleine Unternehmen sei vor allem wichtig, dass sie qualitativ und nicht nur quantitativ wachsen, so Meffert.

Als wichtigen Erfolgsfaktor für das Wachstum der Softwareagentur beschrieb er den Aufbau eines Netzwerks: „Wir sehen unsere Wachstumschance im Aufbau von Kooperationen und der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen.“ Gerade im Bereich der Entwicklung von Software sei es wichtig ein Netzwerk an Partnern aufzubauen, an denen man die Ergebnisse der eigenen Arbeit zeigen kann. „Diese Form der Mund-zu-Mund-Propaganda ist wichtig, wir wollen sichtbar sein, um zu wachsen.“ Darum hat Batix im Süden Thüringens den Zukunftsdialog „Saale.Digital“ angestoßen. Man müsse zuerst Geber sein, bevor man dann auch nehmen könne, so Meffert.

Innovativ bleiben und Personalentwicklung im Auge haben

Wachstum beginne im Kopf des Unternehmers, sagte Dr. Martin Schilling im dritten Unternehmerimpuls an diesem Abend. 10.000 DM, ein Rechner und ein „bisschen Mut“ hätten ihm nach der Wiedervereinigung gereicht, um ein Unternehmern aufzubauen. Sein 1993 gegründetes Ingenieurbüro ist von einer „One-Man-Show“ inzwischen zu einem Produzenten von Spritzgießformen und Kunststoffteilen herangewachsen. Martin Schilling beschäftigt inzwischen rund 75 Mitarbeiter. Sein Erfolgsgeheimnis sei die ständige Weiterentwicklung des Geschäftsmodells: „Man kann als kleines Unternehmen gut in Nischen wachsen, man muss sich nur rechtzeitig eine neue Nische suchen, wenn die alten aussterben“, so Schilling.

Deshalb sei es wichtig, die Personalentwicklung im Auge zu behalten. Es sei entscheidend sich mit neuen Technologien zu beschäftigen und auch seine Mitarbeiter für diese Technologien zu begeistern, damit man rechtzeitig reagieren kann, wenn sich Möglichkeiten ergeben. „Apple ist der größte Musikeinzelhändler geworden, ohne jemals eine einzige CD verkauft zu haben“, gibt Schilling als Beispiel. Wachstum junger Unternehmen vollziehe sich immer in Phasen, an deren Ende eine Krise stehe, die durch einen organisatorischen Sprung bzw. eine Anpassung der Struktur oder des Geschäftsmodells gelöst werden muss. „Damit man davon nicht überrascht wird, muss man strategisch wachsen und nachhaltig.“ Ein optimales Wachstum liege bei 15 bis 20 Prozent pro Jahr, schnelleres Wachstum schädige die Rendite, so Schilling.

Sein Fazit war zugleich auch ein geeignetes für das Unternehmertreffen in Hörselberg-Hainich: Die Grenze des Wachstum wird nicht durch Ressourcenknappheit, sondern durch die Abneigung gegen den Wandel bestimmt. Ständige Veränderung und nachhaltiges Wachstum seien notwendige Anpassung an den Markt.

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