Unternehmen resilient durch die Krise führen - virtuell 2020

Reportage zum 1. virtuellen Unternehmertreffen (COVID-19-Pandemie)

Von Tim Gabel am 29.06.2020

Das erste virtuelle Unternehmertreffen des Dialogs Unternehmen wachsen stand ganz im Zeichen der COVID-19-Pandemie und ihrer Auswirkungen auf die Unternehmen in Ostdeutschland. Die Kernfragen des Treffens waren, wie die Schutzmaßnahmen in Deutschland die Wachstumsstrategie und das Geschäftsmodell der teilnehmenden Firmen berührt und/oder verändert haben und wie man das eigene Unternehmen resilient durch die Krise führt. Sowohl Herausforderungen als auch Chancen wurden diskutiert.

Die rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelten sich in einer Webkonferenz der Plattform GoToMeeting, um sich in dieser besonderen Zeit über Learnings und Auswirkungen der Krise auszutauschen. Technisch verlief die virtuelle Premiere des Unternehmertreffens reibungslos und so konnten alle Interessierten die beiden Impulsvorträge von Silvia Kohlmann, Geschäftsführerin der envitecpro GmbH, einem Unternehmen für Umwelttechnologien in Rostock und Oliver-Marc Rados, Geschäftsführer der Oscomed GmbH einem Medizinproduktehersteller aus Sonneberg, verfolgen.

Vorab präsentierte Silke Stahl-Rolf, Leiterin der Geschäftsstelle des Dialog Unternehmen wachsen in Berlin, erste Analysen zu Auswirkungen der Pandemie und die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage der Geschäftsstelle. Nach den Zahlen einer aktuellen ifo-Studie sind die wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 deutlich größer als jene der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009. Ostdeutschland ist etwas weniger betroffen als die übrigen Bundesländer, allerdings sind die Unterschiede deutlich geringer als 2009 und die Kapitaldecke der ostdeutschen Unternehmen ist insgesamt geringer.

Erzwungener Digitalisierungsschub und Flexibilisierung der Arbeit

Auch die vorab durchgeführte Umfrage des Dialog Unternehmen wachsen unter 21 Unternehmerinnen und Unternehmern in Ostdeutschland zeigte ein recht eindeutiges Stimmungsbild. Die meisten Befragten gehen davon aus, dass die Krise starke Auswirkungen auf die Unternehmen haben wird, die diese insbesondere mittelfristig beschäftigen werden. Hat man die Chancen der Entwicklung im Blick, erwartet eine Mehrheit der Befragten, dass es zu einer Flexibilisierung der Arbeit und zu einem „erzwungenen Digitalisierungsschub“ kommt. Das Thema Digitalisierung beherrschte auch die beiden Impulsvorträge und die anschließende Diskussion des virtuellen Unternehmertreffens.

Silvia Kohlmann, Geschäftsführerin des Unternehmens envitecpro GmbH erläuterte das Geschäftsmodell ihrer Firma, die gemeinsam mit ausländischen Kunden identifiziert wie Abfall getrennt und stofflich oder energetisch verwertet werden kann. „Wir entwickeln Maßnahmen mit deutscher Technik in Schwellenländern wie Brasilien, Peru, Mexiko und Kuba und binden lokale Anbieter ein“, so Kohlmann. Die Krise sei für das Unternehmen ein zweischneidiges Schwert. Einerseits könne man die Kunden nicht mehr vor Ort in Südamerika besuchen und Projekte verzögerten sich. Andererseits erwartet Silvia Kohlmann einen Aufschwung im eigenen Unternehmen und der Branche durch das stärkere Bewusstsein für Umwelttechnologien, die zunehmende Digitalisierung und die Intensivierung der virtuellen Arbeitsweise und Kommunikation besonders bei KMU. „Die aktuelle Krise betrifft jeden, das lokal produzierende Unternehmen und internationale Projektkooperationen und zeigt wie wichtig die Themen Gesundheit und Digitalisierung ökologisch und ökonomisch sind“, so Kohlmann.

„Innovation ist immer notwendig, um gesund aus einer Krise zu kommen“

Auch Oliver-Marc Rados, Geschäftsführer der OSCOMED GmbH, sieht einen Vorteil für die internationale Zusammenarbeit und den länderübergreifenden Austausch: „Wir merken, dass wir durch die neuen digitalen Meetings besser mit ausländischen Unternehmen und Kooperationspartnern aus dem Ausland zusammenarbeiten können. Wir haben gerade ein neues Projekt mit einer englischen Firma gestartet“, so Rados. Er sei zwar eigentlich ein Freund von persönlichen Meetings, aber man merke jetzt, dass man auch digital sehr effektiv arbeiten kann“, so der Oscomed-Geschäftsführer. Für sein Medizintechnikunternehmen sei die Krise ziemlich glimpflich abgelaufen, da medizinische Eingriffe zwar verschoben wurden, aber eben irgendwann stattfinden müssen. Ein wichtiger Faktor für Resilienz seien Innovationen: „Für uns ist Forschung und Entwicklung Bestandteil unserer Strategie. Wir haben vor zwei Jahren eine Entwicklungsabteilung aufgebaut. Innovation sind in unserem Bereich immer notwendig für eine funktionierende Wachstumsstrategie“, sagt Oliver-Marc Rados.

Neue Diskussionskultur aber auch Handlungsdruck in Sachen Digitalisierung

Im Anschluss an die beiden Impulsvorträge wurde konstruktiv über mögliche Chancen der Krise und Voraussetzungen gesprochen, die notwendig sind damit Unternehmen Resilienz in Krisenzeiten aufbauen können. Dabei konnten einige Unternehmer der Krise sogar auch gute Seiten abgewinnen, sowie Marcus Stein, Kaufmännischer Direktor der watttron GmbH, einem Produzenten neuartiger Heizsysteme für die Verpackungsindustrie: „Für uns junges Unternehmen ist das digitale Meeting ein Vorteil. Einfach weil wir mehr auf Augenhöhe sind. Bei Vertragsdiskussionen ist man in einer anderen Position. Man muss den anderen mehr zu Wort kommen lassen und es erfordert von allen mehr Disziplin. Es entwickelt sich eine neue Diskussionskultur.“

Siegfrid Ritter, Managing Director bei SPORTident, einem Hersteller von umfassenden Systemlösungen für die Zeitmessung im Outdoor-Sport, sieht in der Digitalisierung allerdings auch eine große Herausforderungen für seine Firma und die unternehmerische Strategie: „Die letzten fünf Jahre waren sehr erfolgreich für viele Unternehmen. Der Handlungsdruck der jetzt entsteht ist vielleicht gerade deshalb nicht so einfach an die Belegschaft zu vermitteln. Das ist nicht nur ein Problem im Unternehmen, sondern eine Herausforderung für die Gesellschaft. Ich habe ein Problem, die Mitarbeiter insgesamt in Sachen Digitalisierung auf ein höheres Niveau zu bringen. Aus Sicht des einzelnen Mitarbeiters erscheint der Handlungsdruck einfach nicht so hoch.“, so Ritter.

Steffen Lübbecke, Geschäftsführer der Steinbeis Qualitätssicherung und Bildverarbeitung GmbH, kommt für sein Unternehmen trotz aller Herausforderungen und einigen entstandenen Unsicherheiten zu einem versöhnlichen Ergebnis: „Die Corona-Zeit hat unsere Mannschaft zusammengeschweißt. Das ist durchaus auch ein positiver Effekt der Krise.“

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