Foodtrends als Wachstumschance für den Mittelstand – hybrid II

Reportage zum 2. hybriden Unternehmertreffen (COVID-19-Pandemie)

Von Tim Gabel am 28.10.2020

 Vor Beginn der Dialogveranstaltung wurden die Teilnehmenden vor Ort über die Algenfarm der Roquette Klötz GmbH geführt. (Foto: VDI TZ)

 Vor Beginn der Dialogveranstaltung wurden die Teilnehmenden vor Ort über die Algenfarm der Roquette Klötz GmbH geführt. (Foto: VDI TZ)

 

Wenn Sie „Foodtrends“ hören, woran denken Sie? Vielleicht an Bio, Vegan oder Superfoods? Damit lägen Sie richtig und wären bereits mitten im Thema des zweiten hybriden Unternehmertreffens des Dialog Unternehmen wachsen! Unter dem Motto „Foodtrends als Wachstumschance für den Mittelstand“ luden die Algenexperten Kirstin Knufmann (PureRaw) und Jörg Ullmann zum Austausch in der Algenfarm der Roquette Klötze GmbH. Sowohl vor Ort in Klötze (Sachsen-Anhalt) als auch im Netz wurde über die Zukunft der Ernährung und damit verbundene unternehmerische Chancen diskutiert.

Die Teilnehmenden vor Ort konnten sich vor Beginn der Veranstaltung bei einem Rundgang über die Algenfarm informieren, die eine der größten Anlagen Europas ist. In dem Glasröhrensystem wachsen unterschiedliche Algensorten, die zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt werden können. Durch das abgeschlossene System wird sichergestellt, dass keine Verschmutzungen von außen das Algenwachstum stören. Die Glasfabrik und das gläserne Röhrensystem lassen Sonnenlicht an die Algen, die dieses zur Photosynthese und damit zu ihrer Vermehrung brauchen.

 

Impulsvortrag Roquette Klötze GmbH & Co. KG – Jörg Ullmann

Gastgeber Jörg Ullmann stellt in Klötze Mikroalgen unter der Marke Algomed her, die unter anderem als Nahrungsergänzungsmittel und Futtermittel sowie Kosmetika und Lebensmittel weltweit vertrieben werden. Weil die Kunden auf eine bewusstere Ernährung setzen, finden die Algenprodukte zunehmend auch in der Industrie ihre Abnehmer. So färben zum Beispiel Süßwarenhersteller seit einiger Zeit ihre blauen oder grünen Produkte mit dem natürlichen Farbstoff der Spirulina-Alge, statt auf einen künstlichen Farbstoff zu setzen.

In seinem Impulsvortrag erklärt Ullmann, wie das Unternehmen wächst. Er setzt sowohl auf einen Ausbau am Standort in Klötze – dort sind zusätzlich zum Glasröhrensystem nun auch Anlagen für die Produktion von Mikroalgen in Fermentern im Einsatz – als auch auf den Aufbau weiterer Standorte. Es wurde bereits eine Anlage in Mecklenburg-Vorpommern realisiert, mit der neue Arbeitsplätze geschaffen werden konnten. Wichtig für Ullmann ist, dass er bereits vor dem Start einer neuen Produktionsanlage weiß, welche Abnehmer es für die Algen geben wird. Weiteres Wachstum wird dabei von Anfang an mitgedacht: „Wenn ich Innovationen ausprobiere, bin ich ein Freund von einem möglichst minimierten wirtschaftlichen Risiko. Zum einen sollte schon so viel Kapitel investiert werden, dass man aus der Pilotphase belastbare Erkenntnisse über die Möglichkeit zur Skalierung seiner Idee bekommt und dieses dann auch umsetzen kann, zum anderen sollte auch schon Klarheit über potenzielle Kunden, das Produktsortiment bis hin zur Marketing- und Kommunikationsstrategie herrschen. Bestenfalls ist, wie bei unseren neuen Projekten, zumindest ein Teil des Absatzes schon gesichert“, sagt Ullmann.

Über Produktionsinnovationen steigert Ullmann das Volumen der hergestellten Biomasse – bei geringeren Produktionskosten. Generell sei die Biomasseproduktivität von Algen zehn- bis zwanzigmal höher als bei Landpflanzen. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung sei es ein großer Vorteil, unabhängig von fruchtbaden Böden, Biomasse produzieren zu können, so Ullmann: „Der Algenmarkt hat sich positiv entwickelt. Innerhalb der letzten 70 Jahre stieg die Produktion von Null auf mehrere Millionen Tonnen. Ein Großteil der Produktion findet in Asien statt, nun hat aber auch Europa das Thema entdeckt.“ Für die Farm in Klötze plant der Pionier nun eine Algenerlebniswelt mit anschaulichem Lernmaterial und einer Algenzapfanlage.

Hier geht es zur Wachstumsgeschichte der Roquette Klötze GmbH.

 

Teil der Algenfarm sind Produktionsanlagen zur Fermentation. (Foto: VDI TZ)

Teil der Algenfarm sind Produktionsanlagen zur Fermentation. (Foto: VDI TZ)

 

Impulsvortrag Knufmann GmbH – Kirstin Knufmann

Das Thema Alge war auch beim zweiten Impulsvortrag zentral. Kirstin Knufmann bietet mit ihrer Firma PureRaw inzwischen über 240 verschiedene pflanzenbasierte, roh-vegane Lebensmittel erfolgreich zum Kauf an. Ursprünglich wollte sie bestimmte Produkte, die sie selbst nutzt und liebt, nur einem größeren Kreis von Interessierten verfügbar machen. Darunter sind viele algenbasierte Produkte, wie ein blau färbendes Pulver aus der Spirulina-Alge oder ein Ersatzprodukt für Butter und Ei für veganes Backen auf Basis der goldenen Chlorella-Alge.

Knufmann weiß um die unternehmerischen Chancen von Foodtrends. Sie hat früher in New York City gelebt und als Fotografin Trends und innovative Persönlichkeiten begleitet. Deswegen bietet sie in ihrer Firma unter der Marke PureRaw ganz bewusst faire, pflanzenbasierte und innovative Produkte an. „Alle unsere Produkte sind frei von künstlichen Zusatzstoffen, Aromen, Zucker, Laktose, Gluten und sonstigem Schnickschnack“, so Knufmann. Wenn man sich auf eine neue Bewegung einlässt, müsse man zwar viel Pionier- und Aufklärungsarbeit leisten, dafür könne man nachhaltig aus der Nische herauswachsen und gesunde, regionale Produkte etablieren.

Einen wichtigen Teil ihres Erfolgs führt Knufmann dabei auf die Direktvermarktung ihrer Produkte zurück. Sie berichtete, wie sie Messen und Netzwerkveranstaltungen zur Akquise von neuen Kunden und für die Kontakte zu Vertriebs- und Geschäftspartnern nutzt. „Die einfachsten Dinge sind oft die Besten. Persönlicher Kontakt zu den Produzenten, schonende Verarbeitung, Transparenz in der Kommunikation und möglichst regionale und kurze Wege spielen bei uns eine große Rolle“, so Knufmann.

Hier geht es zur Wachstumsgeschichte der PureRaw Knufmann GmbH.

 

Kirstin Knufmann zeigt an ihrer Marke PureRaw, wie das öffentliche Interesse an gesunder Ernährung und neuen Foodtrends wächst. (Foto: VDI TZ)

Kirstin Knufmann zeigt an ihrer Marke PureRaw, wie das öffentliche Interesse an gesunder Ernährung und neuen Foodtrends wächst. (Foto: VDI TZ)

 

Diskussion: Landwirtschaft in der Altmark sollte auf neue Food- und Tourismustrends setzen

Möglichkeiten für regionale Kooperationen wurden anschließend in der Diskussion wieder aufgenommen. Bei den Teilnehmenden gab es großes Interesse an Kooperationen mit der Algenfarm und den Bedingungen der Raumnutzung für den Aufbau einer eigenen Algenproduktion. Dahinter steht die allgemeinere Frage, wie „die Landwirtschaft neue Betätigungsfelder finden kann, um sich nicht mehr gesund zu schrumpfen, wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten“, sagte Norbert Hermann von der Agrargenossenschaft im Ohnetal e.G..

Dafür sind in den benachbarten Regionen in Sachsen-Anhalt durchaus schon einige interessante Konzepte entstanden. Hier wird der Bauernhof als Lernort genutzt oder wieder Gemüse zur Direktvermarktung in den Ballungsraum Berlin aufgebaut. Martina Herzog-Witten tut ist dies auf dem Dömlingshof in Trippigleben. Neue Konzepte und Inspiration seien hier überlebenswichtig: „Es hat eine wahnsinnige Konzentration in der Aufbereitung und Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte durch preisdrückende Flaschenhalsbetriebe stattgefunden. Hier in der Region sind zudem nur noch wenige Verarbeitungsbetriebe da. Es ist aber wichtig, dass wir in der Altmark wieder eine Wertschöpfungskette für unsere Lebensmittel finden.“

Dafür könnten neue Foodtrends, gemeinsame Initiativen und die Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungseinrichtungen eine Chance sein. Auch im Tourismus sind Lebensmittel-Trends wichtig, um sich von der Masse abzusetzen oder den Bedarf nach Trends und Innovationen zu adressieren. Auch das wurde an diesem Abend als zukunftsträchtige Option für die Region konstatiert.

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