Tech-Startups: Mit Venture Capital auf Wachstumskurs

Reportage zum 1. virtuellen Unternehmertreffen 2021

Von Tim Gabel am 16.02.2021

Nachhaltige Verpackungen, für Laien programmierbare Roboter und Fahrzeuge für den Mond: Auf dem virtuellen Unternehmertreffen des Dialogs am 20. Januar standen Zukunftstechnologien im Zentrum des Erfahrungsaustauschs. Die zentrale und verbindende Frage war, wie innovative Tech-Unternehmen Venture Capital für ihre Wachstumsstrategie nutzen. Die Antworten gaben Marcus Stein, CEO der watttron GmbH, Robert Böhme, Gründer der PTS GmbH und Jonas Paul Schreiber, CEO Team bei der Wandelbots GmbH.

Screenshot des Online-Unternehmertreffens am 20. Januar 2021Screenshot des Online-Unternehmertreffens am 20. Januar 2021. (Foto: VDI TZ GmbH)                                                                                               

Die Entscheidung für junge Wachstumsunternehmen, Kapital in Form von Venture Capital zu mobilisieren, geht immer mit vielen Fragen einher: Welche Abhängigkeiten geht man ein und wie viel Eigenständigkeit kann man sich leisten, welche Alternativen gibt es und wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Investitionsrunde? Die drei Impulsgeber, allesamt Inhaber von jungen und innovativen Tech-Startups aus Ostdeutschland, gaben Einblicke in die eigene Wachstumsstrategie und ihre Finanzierungserfahrungen.

Für Marcus Stein, CEO der watttron GmbH, war Venture Capital die Antwort auf eine Notwendigkeit in seinem Marktumfeld: „In der Verpackungsindustrie mit ihren Großkonzernen und internationalen Playern, können wir nur dann am Markt erfolgreich sein, wenn wir eine bestimmte Größe erreichen“, sagt Marcus Stein. Die Firma entwickelt und vertreibt innovative Heizsysteme, die bei der Verpackung von u.a. Kaffee in Kapseln, Joghurt in Bechern oder Fruchtmus für Kinder in den sogenannten „Quetschies“, also Kunststoff-Trinkbeuteln ohne Strohhalm, eingesetzt werden. Dadurch können diese aus recyclebaren Materialien hergestellt werden.

Bewusst die eigene Form der Abhängigkeit aussuchen und strategisch nutzen

Die Grundlage dafür wurde schon an der TU Dresden gelegt, von wo aus die watttron GmbH ausgegründet wurde. Mehrere Millionen Euro zusätzliches Wachstumskapital haben die Gründer über Venture Capital finanziert: „Wir hätten auch über die Kooperation mit einem Maschinenbauer wachsen können. Aber wir wollten nicht, dass Andere unsere Idee skalieren. Deshalb sind wir lieber Finanzierungen mit Anteilseignern eingegangen, wir konnten uns die Form der Abhängigkeit aussuchen“, so Stein.

Die Verpackungsindustrie stehe derzeit vor einem tiefgreifenden Wandel. Es gehe um das Thema Nachhaltigkeit „und zwar nicht mehr nur auf Werbeplakaten“, so Stein. Ziel eines großen Herstellers, wie Procter & Gamble, sei es zum Beispiel bis 2030 auf 100 Prozent recyclebare Verpackungen umzustellen: „Wir können mit unserem Heizsystem eine punktgenaue Verformung erwirken und damit den Materialeinsatz deutlich senken. Zudem erkennen die Werkzeuge und Maschinen mit watttron-Technik Kontaminationen und sind so auch für die Qualitätskontrolle ein Vorteil“, so Stein. Das Unternehmen hat auch die Fördermöglichkeiten der öffentlichen Hand (u.a. futureSAX und exist) genutzt und bei Venture Capital vor allem auf sogenannte „family offices“ gesetzt. Also Geld von  Gesellschaften erhalten, die das private Großvermögen einer Eigentümerfamilie verwalten. „Derartige Investitionen sind hier häufig nachhaltiger aber oft erst dann möglich, wenn eine gewisse Größe erreicht ist“, so Stein.

Wettbewerbe und Kooperationen: Erfahrungen und Geld einsammeln

Robert Böhme, Gründer der Planetary Transportation Systems GmbH, nutzt Venture Capital für nichts Geringeres, als die Erkundung des Weltraums: „Wir entwickeln kommerzielle Infrastrukturlösungen für die privatwirtschaftliche Raumfahrt“, erklärt Böhme das Ziel seines Startups aus Berlin. Angefangen hat 2008 alles mit dem Google Lunar XPrize. Ausgelobt wurde er vom US-amerikanischen Konzern Google für eine Mondlandung bis Ende März 2018.

Eine Mondlandung gab es am Ende zwar nicht, aber Google und die PTS GmbH als Teilnehmer konnten viel Erfahrung und Preisgelder sammeln: „Wir haben mit dem Prototyp eines Mondrovers bei dem Google Wettbewerb zwei Milestones gewinnen können. Das ist lukrativ und ein riesiger Vorteil für die Reputation“ so Böhme. Ein Investor oder Business Angel brauche eine Bestätigung und da seien Awards ein Siegel für junge Unternehmen. Deshalb der Tipp von Böhme: „Bleibt nicht zu theoretisch, sondern macht es praktisch und baut etwas zum Zeigen“.

Für die PTS GmbH zahlte sich das aus. Zuerst wurde Audi als Kooperationspartner für die Entwicklung des Raumtransporters Alina gewonnen, später investierte auch Vodafone in ein Mond-LTE: „Man sollte relativ schnell mit erfahrenen Partnern zusammenarbeiten. Wir haben auch mit Texas Instruments, dem US-Hersteller von Taschenrechnern zusammengearbeitet und sehr schnell, sehr viel gelernt“, so Böhme.

Investitionsrunde führte in die Insolvenz: Vier Learnings aus der Krise

Nach einer gescheiterten Investitionsrunde kam allerdings ein plötzlicher Rückschlag. Die Venture Capital-Geber wollten die Bewertung des Unternehmens von 120 Millionen US-Dollar nicht teilen. Es folgte der Weg in die vorübergehende Insolvenz. Auch hier war die Lernkurve für den Gründer Böhme steil, in dem Fall hätte er aber gerne darauf verzichtet: „Man muss sich dann eine Pause nehmen und für sich selbst klar bekommen, was genau aus dem Ruder gelaufen ist.“

Durch ein Investment der Firma Zeitfracht ist PTS inzwischen wieder auf die Füße gekommen, nach einem Management-Buyout gehört die Firma wieder dem ursprünglichen Team. Statt 60 Mitarbeiter arbeiten heute zwölf am Firmenstandort in Berlin Hohenschönhausen. Es wird schon wieder nach weiterer Verstärkung gesucht. Gründer Böhme hat vier „Key Learnings“ identifiziert. „Auf eine Idee konzentrieren, die anderen erstmal sichern und sein lassen. Sich Mitarbeiter suchen, die das eigene Skillset erweitern, nicht die gleichen Stärken haben wie man selbst. Der einzelne Kunde ist König, aber statt zu viel Abhängigkeit sollte man lieber das Königreich erobern. Und zuletzt sollte man sich als junges deutsches Tech-Unternehmen nicht mit den Startups aus dem Silicon Valley vergleichen. Dort gibt es andere Herausforderungen und  Möglichkeiten.“

Langfristige Trendthemen wie die Digitalisierung sind in den Fokus gerückt

Für die Wandelbots GmbH aus Dresden waren Investitionsrunden immer wieder der nächste logische Schritt, um von der Idee an einer Universität zur Realisierung eines Prototyps und dann schließlich zu marktreifen Produkten zu kommen. „Wir sind ein Start-Up, das es sich zum Ziel gesetzt hat die Programmierung von Robotern zu demokratisieren“, sagt Jonas Paul Schreiber, der dem CEO Team des Tech-Unternehmens angehört.

Mit ihrem TracePen haben die Entwickler eine Fernbedienung für kooperative Roboter entwickelt, mit dem man den robotischen Helfern ohne Programmierkenntnisse zum Beispiel Bewegungen oder Griffe beibringen kann. Im Juni 2021 wird das Unternehmen die bislang letzte Series B Finanzierungsrunde mit internationalen Investoren abschließen: „Da sind Investoren bei, die wir noch nie physisch gesehen haben. Auch das funktioniert. Man sollte sich durch Covid-19 jetzt nicht abschrecken lassen. Die Investoren sitzen jetzt vor gut gefüllten Fonds. Für einige Branchen bietet die Epidemie auch eine große Chance und einen Vortrieb“, sagt Jonas Schreiber.

Derzeit seien die Investoren interessiert an B2B-Technologien, weil sich gerade im Bereich der Technologieentwicklung für Industrieunternehmen in naher Zukunft viel Marktpotenzial entfalten wird. Durch die Pandemie seien auch langfristige Trendthemen wie Nachhaltigkeit und Digitalisierung stärker in den Fokus gerückt. Für die Wandelbots sei auch in Zukunft eine weitere Investitionsrunde mit Blick auf die Eröffnung von Standorten in Amerika und Asien denkbar. „Wir wägen natürlich immer ab und überlegen uns auch genau, in welchem Umfang die Zusammenarbeit mit Investoren sinnvoll ist. Wir setzen das Venture Capital sehr strategisch ein“, so Schreiber.

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