Digitale Tools zur Aus- und Weiterbildung - virtuell II 2021

Reportage zum 2. virtuellen Unternehmertreffen 2021

Von Tim Gabel am 17.03.2021

Die Covid-19-Pandemie hat eine Entwicklung beschleunigt, die Unternehmen ohnehin bereits seit einiger Zeit beschäftigt: Die Digitalisierung von Prozessen. Offensichtlich wird das jeden Tag in der Kommunikation mit Tools wie Zoom, Skype oder Teams. Aber auch in der Aus- und Weiterbildung gibt es inzwischen diverse digitale Anwendungen. Gerade Technologien wie Augmented- und Virtual-Reality oder 360-Grad-Videos bieten neue Chancen und machen Prozesse auch im digitalen Raum erfahrbar.

Derartige Tools sind derzeit zum Beispiel eine Lösung für die Herausforderung Auszubildenden und Mitarbeitenden trotz Kontaktbeschränkungen neue Fähigkeiten zu vermitteln oder Kunden die Eigenschaften der eigenen Produkte zu erklären. Aber auch in Zeiten ohne Pandemie kann die Digitalisierung der Aus- und Weiterbildung für effizientes Wachstum nützlich sein. Deshalb stand das Thema im Mittelpunkt des 2. virtuellen Unternehmertreffens des Dialog Unternehmen wachsen im Jahr 2021.

Um einen Einblick zu geben, welche verschiedenen Möglichkeiten es im Hinblick auf die digitale Aus- und Weiterbildung gibt, waren für einen Impuls zwei Experten und eine Expertin eingeladen, die entsprechende Werkzeuge und Anwendungen entwickeln. Daniel Brochwitz, Geschäftsführer von Skills Interactive, erschafft mit seinem Erfurter Unternehmen immersive Welten zum Lernen, Arbeiten und Erleben und setzt dabei vor allem auf Wissensvermittlung via Augmented und Virtual Reality. Hans Elstner, CEO der rooom AG in Jena, hat eine Online-Plattform entwickelt, mit der sich digitale dreidimensionale Räume mit sehr kleinen Datenmengen erstellen lassen. Diese ermöglichen es Unternehmen, digitale Showrooms oder Eventspaces zu kreieren. Und Dr. Katrin Kramer, Etat-Direktorin der interActive Systems GmbH in Berlin, bietet interaktive Lösungen und multimediale Anwendungen für den Wissenstransfer im Gesundheitsbereich an.

Nach erstem Hype: Inzwischen gibt es realistische VR-Anwendungen, die produktiv sind

Daniel Brochwitz erlebt in der jüngeren Vergangenheit eine erhöhte Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen für die digitale Aus- und Weiterbildung. Sein Unternehmen ist im vergangenen Jahr auf 25 Mitarbeiter angewachsen, um den zahlreichen Anfragen gerecht zu werden. Inzwischen gibt es für Augmented- und Virtual Reality diverse Einsatzbereiche: „Da ist schon Vieles möglich, zum Beispiel ein realitätsnahes Training der Mitarbeiter zur Vorbereitung der Arbeit an teuren Maschinen, der Einsatz für die Logistik oder Navigation zum Beispiel bei der Lagerverwaltung oder die Simulation gefährlicher Situationen“, sagt Brochwitz. Der erste Hype mit überzogenen Erwartungen sei vorbei und die Technologie könne für realistische Szenarien produktiv eingesetzt werden.

Konkret hat Skills interactive unter anderem ein VR-Training für die und mit der Handwerkskammer Erfurt entwickelt. Damit lernen Auszubildende den Umgang mit einem Diagnosekoffer Wartungskoffer zur Wartung einer Ladebox für Elektroautos. „Ausgangssituation war, dass davon nur ein bis zwei Koffer in den Ausbildungszentren der Handwerkskammern zu Schulungszwecken vorhanden sind und man die Situation hat, dass zehn oder mehr Auszubildende daran trainiert werden sollen. Das ist einfach nicht effizient“, so Brochwitz. Die Handwerkskammern können mehrere 3D-Brillen und dazugehörige Controller bestellen, die in der Anschaffung deutlich günstiger sind als die Wartungskoffer. So kann jeder Auszubildende die Situation in der virtuellen Realität trainieren und ist optimal vorbereitet.

Ganze Messe- oder Werkshallen ziehen datenschonend in den virtuellen Raum um

„Sehr effiziente, schnelle Lösungen für virtuelle Messen und Konferenzräume und lebensechte Visualisierungen von 3D-Inhalten“, fasst Hans Elstner kurz die Plattform der rooom AG zusammen. Die 3D-Komplettlösung des Jenaer Unternehmens macht es möglich, virtuelle Räume und 3D-Modelle von Produkten sehr einfach im Do-It-Yourself Verfahren (z.B. aus Fotos) zu erstellen und online zu präsentieren. „Die Objekte in die virtuelle Umgebung einzubinden ist dann ganz einfach. Ungefähr so einfach wie ein Youtube-Video auf einer Webseite einzubinden“ sagt Elstner. Mit der Technologie hat sich die rooom AG bereits einen Namen gemacht und im vergangenen Jahr unter anderem ein virtuelles Messeformat für die IFA entwickelt und sich damit gegen internationale Agenturen durchgesetzt.

Zu den Möglichkeiten der Plattform gehören auch virtuelle Showrooms, Augmented Reality Lösungen, 360° Rundgänge oder Videostreaming. Alles unter der Prämisse, dass eine Nutzung von jedem Endgerät aus auch mit leistungsschwächeren Internetverbindungen für Jeden möglich sein soll. „In Sachen Aus- und Weiterbildung lassen sich ganze Maschinenparks, Werkshallen oder Bibliotheken erstellen. Zudem können Mitarbeitende ihr Wissen aufnehmen und im virtuellen Raum an jüngere Mitarbeitende oder Auszubildende weitergeben“, so Elstner.

Mittlerweile ist die rooom AG als eines der 50 bedeutendsten Startups Deutschlands ausgezeichnet worden und arbeitet für einige der bekanntesten Unternehmen der Welt. Das Team ist auf 56 Mitarbeiter angewachsen. „Wir müssen uns schon nach neuen Räumlichkeiten im analogen Raum umsehen. Allerdings ist Remote-Arbeit durchaus erwünscht und inzwischen haben wir natürlich auch ein eigenes virtuelles Büro und sogar einen Mitarbeiter auf den Kanaren“, sagt Elstner.

Neue digitale Technologien können die Wissensvermittlung spannender und nachhaltiger machen

„Der Vorteil von Interaktivität bei der Wissensvermittlung ist, dass man sich nicht nur berieseln lassen muss, sondern dass man sich mit der Geschichte bewegt, dass man den Lernprozess aktiv gestaltet“, sagt Dr. Katrin Kramer von interActive Systems Berlin. Seit fast 20 Jahren ist das Unternehmen bereits mit der Digitalisierung im Aus- und Weiterbildungsbereich beschäftigt: „Natürlich ändert sich die Nachfrage in Bezug auf die digitalen Angebote. Derzeit geht der Trend zum Beispiel stark in Richtung mobile Anwendungen. Wir versuchen seit jeher multimediale Elemente und Interaktivität nach dem aktuellen Stand der Technik in das E-Learning einzubauen“, sagt Kramer.

Zum Portfolio gehören unter anderem Schulungskurse für Kundengespräche, E-Learnings für Mitarbeiter mit durchdachten Übungen oder Patienteninformationen mit interaktivem Charakter, bei denen zum Beispiel die Fallgeschichte einer Betroffenen erlebt werden kann. „Wir arbeiten mit Erklärfilmen und anschaulichen Grafiken und Illustrationen. Lernen soll ja auch Spaß machen und attraktiv sein“, so Kramer. Neben 3D-Animationsfilmen zu medizinischen Themen wurden auch dreidimensionale Echtzeit-Umgebungen geschaffen: So hat die interActive Systems GmbH für eine die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) und deren baden-württembergischen Landesverband (AMSEL) eine virtuelle Klinik für Patienten mit Multipler Sklerose nachgebaut. Auch eine VR-Anwendung mit deren Hilfe man sich Informationen direkt am 3D-Modell eines Gehirns abrufen kann, gehört zum Portfolio. Hier sind gerade in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Möglichkeiten dazugekommen, wie digitale Aus- und Weiterbildung spannend und nachhaltig gestaltet werden kann.

Die Covid-19-Pandemie könnte auch der Digitalisierung im Bildungsbereich einen Schub verleihen

Dass diese Möglichkeiten auch dringend in der Breite eingesetzt werden müssen, davon sind auch weitere teilnehmende Unternehmerinnen und Unternehmer überzeugt. Oliver Schwarz, Geschäftsführer der Vakuplastic Kunststoff GmbH in Schönefeld sieht vor allem für den ländlichen Raum Handlungsbedarf: „Die nächste Berufsschule ist in der Lausitz und die große Entfernung ist für unsere Auszubildenden eine große Herausforderung. Da könnten derartige Lösungen eine Abhilfe schaffen“, sagt Schwarz. Und Heiko Wendrock, Berufsberater im Erwerbsleben für den Verbund der südwestsächsischen Arbeitsagenturen hofft, dass die Corona-Krise hier zumindest ein Gutes hat und einen ordentlichen Schub in Sachen Digitalisierung auslöst. „Ich sehe das als große Chance und zudem als unerlässlich“, so Wendrock.

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