Wasserstoff als Wachstumsfaktor - virtuell III 2021

Reportage zum virtuellen Unternehmertreffen 11.3.2021 „Wasserstoff – Nachhaltiges Wachstum und Strukturwandel“

Von Anja Luckas am 30.03.2021

Wasserstoff entwickelt sich zu einem der wichtigsten Bausteine der Energiewende. Zu dieser übereinstimmenden Erkenntnis kamen die drei Impulsgeber beim virtuellen Unternehmertreffen des Dialogs am 11. März 2021. Sowohl Christian von Olshausen von der Dresdener Sunfire GmbH, als auch Peter Rößner von der Apex Energy Teterow GmbH aus Rostock bescheinigten der Wasserstoffwirtschaft in Ostdeutschland erhebliches Wachstumspotenzial und warben bei den Unternehmer*innen dafür, Visionen zu entwickeln, Risikobereitschaft zu zeigen und Cluster zu bilden. Christian Reiser vom WTZ Roßlau rückte den herkömmlichen Verbrennungsmotor in den Fokus innovativer Wasserstoffforschung, um den Klimawandel zu stoppen.

Christian von Olshausen überraschte beim Unternehmertreffen gleich zu Beginn. Denn er begann sein Impulsreferat mit den Worten: „Am Anfang hatten wir weder ein Produkt noch einen Markt, sondern nur eine Vision.“ Nämlich eine Welt ohne fossile Brennstoffe. Das war im Jahr 2010, und die Erfolgsaussichten, sich mit einer Power-to-liquid-Strategie erfolgreich zu positionieren, waren damals mehr als gering. Heute beschäftigt die Sunfire GmbH mit Sitz in Dresden 250 Mitarbeiter*innen und entwickelt an Standorten in Deutschland, Norwegen und der Schweiz Elektrolyseure für die industrielle Herstellung von grünem Wasserstoff und Synthesegas aus erneuerbaren Energien.

Dass sich das Start-up-Unternehmen in nur zehn Jahren zu einem Global Player der Wasserstoffwirtschaft entwickelt hat, verdankt es nicht zuletzt der Tatsache, dass von Olshausen und seine Mitgründer Nils Aldag und Carl Berninghausen damals an sich und ihre „Idee für die Zukunft“ geglaubt haben. Statt auf gut gemeinte Ratschläge von anderen zu hören, so von Olshausen in seinem Impulsreferat, solle man sich „das Nein wenn überhaupt bei denen abholen, die ein solches Konzept für die Zukunft brauchen“. Die Sunfire GmbH konnte überzeugen und fand zahlreiche Investoren für die Idee, den Prozess der Verbrennung auf Molekülbasis wieder rückgängig zu machen. Schon ein Jahr nach der Firmengründung war mit der Übernahme eines Unternehmens für Festoxid-Brennstoffzellen (SOFC) der Grundstein für die Entwicklung von Elektrolyseuren gelegt, die nachhaltigen Wasserstoff und Synthesegas erzeugen. Diese Gase können als Rohstoff beziehungsweise Energieträger unter anderem in Raffinerien, in der Eisen- und Stahlindustrie, im Verkehrssektor sowie bei der Strom- und Wärmeerzeugung eingesetzt werden.

Die Förderung durch das Bundesforschungsministerium war dann so etwas wie „der Ritterschlag“ für das junge Unternehmen aus Dresden. Bevor im Jahr 2014 mit Boeing ein finanzstarker Auftraggeber gewonnen werden konnte, der bereit war, die Entwicklung der Generation 0 des Sunfire-HyLink Elektrolyseurs zu finanzieren. „Ohne dass wir eine Garantie hätten geben können, dass es auch gelingt.“ Von Olshausen unterstrich damit noch einmal, dass vor allem Risikobereitschaft sich auszahle und nicht immer der Businessplan entscheide. Vielmehr müsse das Konzept hinter der Idee stimmen, um starke Partner gewinnen und als Unternehmen wachsen zu können.
Den Standort Sachsen sieht der CTO der Sunfire GmbH in Sachen Wasserstofftechnologie für die Zukunft gut aufgestellt. Zwar sei der Markt noch nicht klar strukturiert, so der Firmengründer. Er sei jedoch zuversichtlich, dass insbesondere die ansässigen Automobilhersteller „die Zeichen der Zeit sowie das Potenzial der neuen Technologien erkennen". Sachsen zähle weltweit zu den besten Fertigungsstandorten. Darauf könne man aufbauen, „wenn wir hier in Zukunft Elektrolyseure in Serie fertigen wollen“.

Nationale Wasserstoffstrategie sorgt für Hype

Als eine „derzeit noch von Investoren getriebene Branche“ bezeichnete Peter Rößner die Wasserstoffwirtschaft. Der kaufmännische Leiter der Apex Energy Teterow GmbH aus Rostock warb deshalb im Rahmen des Unternehmertreffens dafür, Cluster zu bilden und sich strategische Partner zu suchen. „Synergien sorgen für einen Innovationsschub“, so Rößner zu den prognostizierten Ansiedlungseffekten in Ostdeutschland. Im Fall des ursprünglichen Anbieters von Photovoltaikanlagen war es 2018 ein auf Kunststoffspeicher spezialisiertes Unternehmen in direkter Nachbarschaft, mit dem man gemeinsam die Idee entwickelte, „regenerative Energien flexibel verfügbar zu machen, in Wasserstoff umzuwandeln und möglichst effizient zu speichern“.

„Neu war damals unser ganzheitlicher Ansatz von der Produktion über die Elektrolyse bis hin zur Nutzung beim Endkunden“, erläuterte Rößner den Zuhörer*innen, wie aus „einer Eisenbahn ohne Schienen“ ein international agierender Projektierer von Wasserstoffkraftwerkslösungen wurde. Denn zunächst begann das Unternehmen damit, das eigene Areal mitsamt den Produktionsstätten am Standort Rostock-Laage mit der neuen power to gas basierten Technologie umzuwandeln. „Sozusagen als Demonstrationsanlage“, so Rößner. Als erster kam dann ein Automobilhersteller mit ins Boot. Heute zählen außerdem Wohnungsbaugesellschaften, Gewerbebetriebe, Netzbetreiber und Kommunen zu den Kunden der Apex Energy Teterow GmbH. Zusätzlich liefert eine mit Wasserstoff betriebene Tankstelle des Unternehmens, das im Jahr 2020 als „Macher des Jahres“ mit dem Sonderpreis „Zukunft“ ausgezeichnet wurde, Kraftstoff für 40 Busse des öffentlichen Nahverkehrs und 200 Pkw.

Zwar sei bei der Wirtschaftlichkeit noch Luft nach oben, betonte Rößner. Gleichwohl beobachte er seit Inkrafttreten der Nationalen Wasserstoffstrategie im vergangenen Jahr „einen regelrechten Hype“. Derzeit fehlten allerdings noch „echte Verpflichtungen“. Ostdeutschland sei in der Wasserstoffwirtschaft jedoch dynamisch unterwegs. Und ähnlich wie vor einigen Jahren bei den Themen Windkraft und Photovoltaik „sorgen erste Projekte, die ins Fliegen kommen, dafür dass auch bei der Gesetzgebung endlich etwas ins Rollen kommt“.

Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Industrie

Dass auch ein „Urgestein der Motorenforschung“, wie der Geschäftsführer des Wissenschaftlich-Technischen Zentrums (WTZ) Roßlau, Dr. Christian Reiser, das Institut selbst nennt, die Zukunft im Blick hat, wurde im dritten und letzten Impulsvortrag deutlich. Denn den 66 Mitarbeiter*innen der bereits 1950 gegründeten Forschungseinrichtung, die sich als Brückenbauer zwischen der reinen Wissenschaft und der Industrie versteht, gelang es in kürzester Zeit, „aus einer Idee Kompetenzen für eine Technik der Zukunft aufzubauen“: den ZERO-Emissions-Kreislaufmotor. Dieser wurde im Rahmen des Verbundprojektes LocalHy im WTZ Roßlau entwickelt und ermöglicht die hocheffiziente und vor allem schadstofffreie Rückverstromung von regenerativ erzeugtem Wasserstoff und Sauerstoff. Ein solches Verfahren rücke nun auch den herkömmlichen Verbrennungsmotor in den Fokus, den laut Reiser „in dieser Richtung bisher niemand auf dem Schirm hatte“. Er sei jedoch möglicherweise der „noch fehlende Baustein der Energiewende“. Bereits 2019 wurde das WTZ Roßlau für die Entwicklung des „Innovativsten Produkts der angewandten Forschung“ mit dem Hugo-Junkers-Preis für Forschung und Innovation des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet.

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