Datenbasierte Geschäftsmodelle als Wachstumstreiber - virtuell IV 2021

Reportage zum 4. virtuellen Unternehmertreffen 2021

Von Anja Luckas am 04.05.2021

Die digitalisierte Welt lebt von Daten. Sie gelten als der Rohstoff des 21. Jahrhunderts und sind doch Fluch und Segen zugleich. Denn dem zukunftsträchtigen Einsatz von Künstlicher Intelligenz beispielsweise in der Medizin, in der Industrie oder auch im Bildungssystem stehen zunehmend Fragen nach dem Kontrollverlust über unsere Daten gegenüber.

Im Studio der VDI TZ GmbH wird das virtuelle Unternehmertreffen produziert

Wie gerade junge Unternehmen mit datenbasierten Geschäftsmodellen Erfolg haben können, was sie dabei von den Branchengiganten lernen können und wie wichtig der Datenschutz ist, davon berichteten beim virtuellen Unternehmertreffen des Dialogs am 25. März 2021 Dominik Lausch von der DENKweit GmbH, Ghazaleh Koohestanian, Gründerin der re2you GmbH mit Sitz in Berlin, und Florian Bontrup, dessen Leipziger DOCYET GmbH einen digitalen Gesundheitslotsen entwickelt hat. Drei junge Unternehmensgründer*innen mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen und Geschäftsmodellen mit Wachstumspotenzial.

Ghazaleh Koohestanian spielte schon früh im Kreis der ganz Großen mit. Die Berlinerin mit iranischen Wurzeln arbeitete als Software-Entwicklerin (Programmiererin) unter anderem bei Nokia und Google in Asien, bevor sie sich 2013 mit ihrem Unternehmen re2you in Berlin selbstständig machte. Die Firmengründung war sozusagen „der Wandel vom Saulus zum Paulus“. Denn die gelernte Fashion-Designerin, die irgendwann den Computer als „meine zehnte Sprache“ entdeckt hatte, durchschaute die Strategien der Branchengrößen im Umgang mit Daten und wollte dieser zunehmenden „Monopolisierung durch inkompatible Betriebssysteme, Applikationen und Endgeräte“ etwas entgegensetzen. Wohlwissend, dass es ein Kampf wie David gegen Goliath werden würde. Doch ihre Vision damals wie heute lautete: „Eine Zukunft, in der Hardware obsolet sein wird.“

„Wir leben mittlerweile in einer Art Silo-Welt“, so die Chefin von mittlerweile 300 Mitarbeiter*innen beim Unternehmertreffen des Dialogs. Längst hätten wir unsere Datenhoheit an Dritte abgegeben und stellten Anbietern wie Apple oder Microsoft „einen Blankoscheck“ aus. re2you, also return to yourself, nannte sie deshalb ihr 2013 gegründetes Unternehmen, das den Nutzern die Souveränität über ihre Daten zurückgeben will. Das Patent für die von ihr entwickelte Software (Cloud Browser), mit der „wir die Daten aus dem virtuellen Gefängnis befreien“, sicherte sich Koohestanian noch im gleichen Jahr.

Auf dieser Grundlage, der Harmonisierung von eigentlich inkompatiblen Systemen, ließen sich viele datenbasierte Geschäftsmodelle entwickeln, so die Prognose der erfolgreichen Unternehmerin. Sie selbst berät unter anderem auf Initiative des Kanzleramts kleine und mittelständische Unternehmen, „die bei der Digitalisierung Unterstützung brauchen, die leicht, transparent und vertrauenswürdig ist“. Gleiches gelte für Schulen, an denen vielerorts die digitale Infrastruktur fehle. „Wir sind hier so etwas wie der Adapter“, sagt Koohestanian, deren Expertise ebenso in der Autoindustrie und zunehmend auch in den USA gefragt ist. „Denn auch wenn die Amerikaner und Asiaten in Sachen Datenverarbeitung anders unterwegs sind als wir in Europa“, so Koohestanian abschließend. „Der deutsche Datenschutz ist ein echter Exportschlager. Und bei uns gehören die Daten nicht irgendwelchen Großkonzernen, sondern allein dem Kunden.“

Das Know-how im Land halten

Absolute Vertraulichkeit beim Umgang mit Daten hat auch bei den beiden anderen Impulsgeber des virtuellen Unternehmertreffens oberste Priorität. „Wir sammeln keine Daten“, erklärte Dr. Dominik Lausch von der 2018 gegründeten DENKweit GmbH aus Halle. Vielmehr helfen der studierte Physiker und sein junges Team den Unternehmen, ihre Daten zu sortieren und mithilfe von Künstlicher Intelligenz für ihre Zwecke zu nutzen. „Das eigentliche Know-how sitzt in den Firmen selbst.“ Die Ausgründung der Fraunhofer Gesellschaft hat einen innovativen Sensor entwickelt, der anhand von nur wenigen Bildern und kombiniert mit modernen Maschinenlernalgorythmen eine effiziente Qualitätskontrolle in der Produktion beispielsweise von Batteriezellen, Solarmodulen oder Leistungselektronik ermöglicht. Sie können zerstörungsfrei, kontaktlos und in Echtzeit auf Beschädigungen und Fehler untersucht werden. Die künstliche Intelligenz kann und wird auch über die eigene Sensorik hinaus äußerst erfolgreich eingesetzt. DENKweit arbeitet hier mit einigen Automatisierern und Geräteherstellern eng zusammen. „Unsere Kunden können diese Künstliche Intelligenz individuell und lokal in ihre Produktionsprozesse integrieren“, so Lausch zu den Vorteilen der neuen Technologie aus Halle an der Saale, die unter anderem mit dem Hugo-Junkers-Preis und dem IQ Innovationspreis Mitteldeutschland ausgezeichnet wurde.

Der Mut, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen und den „bequemen Sessel des öffentlichen Dienstes zu verlassen“, hat sich für Lausch also ausgezahlt. Trotz der vielen Einflüsse, die anfangs von außen auf sein Team hereinbrachen. Denn der studierte Physiker war damals nicht angetreten, „um gleich die Rakete zu zünden“. Vielmehr sei es das Ziel von DENKweit gewesen, die Triebwerke zielgenau zu landen. „Denn was nützt es“, so Lausch mit Blick auf die Wachstumschancen, „wenn ein Unternehmen künstlich skaliert wird und dann günstig beispielsweise nach China verkauft wird?“ Wichtiger als Schnelligkeit sei es, das Know-how im Land zu halten. Auch deshalb setzte man in Halle an der Saale auf das „ausgezeichnete Netzwerk und starke Partner sowie die exzellenten Fördermöglichkeiten, die es in Deutschland gibt“.

Digitalisierungsschub in der Medizinbranche

Davon hofft auch Florian Bontrup zu profitieren. Der Gründer der DOCYET GmbH in Leipzig sucht noch weitere Partner wie beispielsweise Krankenhäuser, mit denen er gemeinsam seinen digitalen Gesundheitslotsen weiterentwickeln kann. Wie in einem Chat lotst dieser Patient*innen automatisiert durch das Gesundheitssystem, indem Daten zum individuellen Gesundheitszustand mithilfe von Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden. „Patient*innen haben viele Fragen, die sie nicht beantwortet bekommen“, so der Software-Experte aus Leipzig. Beschwerden werden heutzutage gegoogelt. Es wird viel Zeit in Wartezimmern vergeudet. Und zum Schluss lande man oftmals doch an der falschen Stelle. Genau hier setzt die Neuentwicklung des Gründers an. „Wir tun im Grunde nichts anderes“, so Bontrup bei der Vorstellung des Gesundheitslotsen, „als all diese Fragen den Patient*innen zu stellen, um sie letztlich an die richtige Stelle zu lotsen“. Das spare am Ende nicht nur Zeit, sondern könne dank eines Informationsvorsprungs auch Notaufnahmen effektiver gestalten.

Der Tatsache, dass gerade Daten aus dem Gesundheitswesen einen besonders sensiblen Umgang erfordern, war sich Bontrup bei der Gründung seines E-Health Start-ups DOCYET im Jahr 2017 durchaus bewusst und wirbt heute mit einem besonders hohen Datenschutzniveau made-in-Germany. Gleichwohl beobachtet er gerade in der Medizinbranche einen Digitalisierungsschub und setzt langfristig auf „anonymisierte Routinedaten, die dabei helfen können, unsere Technologie zu evaluieren und weitere Zusatzfunktionen bereitzustellen“. Kreative junge Leute und Fachkräfte fänden sich dafür in Leipzig genug. Unter den bereits 25 Mitarbeiter*innen der DOCYET GmbH finden sich auch Mediziner und Juristen, die die Software-Entwicklung in diesem Bereich überhaupt erst möglich machen.

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