Aufbruchsstimmung nutzen, regionale Potenziale entdecken – 2. OWT

Eindrücke vom 2. Ostdeutschen Wachstumstag

Von Anja Luckas am 14.06.2021

Um den aktuellen und zukünftigen Strukturwandel in den ostdeutschen Bundesländern zu einer Erfolgsgeschichte zu machen, sehen Politiker wie auch Unternehmer gerade in den Bereichen  Fachkräftemangel, Klimawandel und Digitalisierung dringenden Handlungsbedarf. Es müsse mehr in Bildung und Ausbildung investiert werden. Dann kann der Wachstumskurs, der die ostdeutsche Wirtschaft inzwischen auf das gleiche Niveau gebracht hat wie die Volkswirtschaften von Italien und Frankreich, erfolgreich fortgesetzt werden. Zu dieser übereinstimmenden Erkenntnis gelangten die Referent*innen des 2. Ostdeutschen Wachstumstages, der am 2. Juni 2021 in der sächsischen Landesvertretung in Berlin stattfand.

 


Jürgen Fuchs, Vorsitzender der Geschäftsführung der BASF Schwarzheide GmbH und futureSAX-Geschäftsführerin Marina Heimann beteiligen sich per Liveschaltung am 2. Ostdeutschen Wachstumstag, der als hybrides Event aus der Sächsischen Landesvertretung in Berlin übertragen wurde. Foto: VDI Technologiezentrum GmbH

 

Unter dem Motto „Zukunft denken – Strukturwandel unternehmen“ diskutierten Vertreter*innen aus Politik und Wirtschaft über die Chancen, die sich sowohl kleinen und mittelständischen Unternehmen als auch Unternehmensgründerinnen und -gründern in Ostdeutschland bieten. Erfolgsgeschichten von jungen Start-up-Unternehmen bis hin zu Branchenriesen boten den Teilnehmer*innen beeindruckende Beispiele dafür, dass dieser Transformationsprozess gelingen kann. So liegen die ostdeutschen Bundesländer beispielsweise bei der Quote der Ausgründungen laut einer aktuellen Studie der Expertenkommission Forschung und Entwicklung (EFI) mit 11,5 Ausgründungen je 10.000 Studierende bereits deutlich vor Westdeutschland mit nur 9,6 Ausgründungen.

 

 

Der Beauftragte für die neuen Bundesländer, Parlamentarischer Staatssekretär Marco Wanderwitz erklärt dazu, dass der Kampf gegen den Klimawandel und die Bewältigung des Strukturwandels ein Umdenken bei den Unternehmen erfordern. Auswege bieten z.B. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und E-Mobilität. Das gilt besonders für die ländlichen Gebiete in den neuen Bundesländern, deren Wirtschaftsstruktur von kleinen Unternehmen geprägt ist. „Diese Unternehmen wollen wir bei ihrem Transformationsprozess unterstützen“, so Wanderwitz.

Das Potenzial in Sachen Unternehmensgründungen gelte es zu nutzen und auszubauen, sagte auch Sachsens Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Martin Dulig, in seinem Eröffnungsstatement des Unternehmerdialogs 2021. Der Anspruch Ostdeutschlands müsse sein, gerade im Bereich der Mikroelektronik Gründerland zu bleiben und gleichzeitig Wasserstoffland Nummer eins zu werden. Die Bundesregierung habe hier schon viel auf den Weg gebracht. „Jetzt muss es auch gelingen“, so Dulig. „Dafür fordere ich ehrliches Interesse und ehrliche Unterstützung.“ Dass in Deutschland entwickelte Technologien dann zuerst anderswo in Anwendung kämen, müsse verhindert werden, erklärte er unisono mit Marco Wanderwitz.

Wanderwitz und Dulig beim 2. OWT

Sachsens Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Martin Dulig (Mitte) und der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Marco Wanderwitz, vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, beim 2. Ostdeutschen Wachstumstag. Foto: VDI Technologiezentrum GmbH

 

Wachstum braucht Visionen

Dass es Menschen mit Visionen braucht, um einen innovativen Wachstums- und Transformationsprozess in Gang zu bringen und Ostdeutschland zum modernen Industrieland zu machen, stellten Robert Böhme von der Planetary Transportation Systems (PTS) GmbH aus Berlin und Christian Piechnick, CEO und Mitgründer der Wandelbots GmbH mit Sitz in Dresden, eindrucksvoll unter Beweis. Während der eine immer an seinem großen Ziel festgehalten hat, Menschen irgendwann ins All transportieren zu können, haben sich die Dresdner nichts Geringeres auf die Fahne geschrieben als die weltweite „Demokratisierung der Robotik mit unserem Wissen“.

Im Rahmen des 2. Ostdeutschen Wachstumstages warben die beiden erfolgreichen Unternehmensgründer dafür, bei jungen Leuten den Gründergeist zu wecken und „sie mit guten Ideen anzustecken“, wie Dr. Milos Stefanovic, Geschäftsführer der Bürgerschaftsbank Brandenburg, im Rahmen der Podiumsdiskussion mit den beiden Jungunternehmern sagte. „Tesla weckt hier neue Gefühle“, wagte Stefanovic eine Prognose bezüglich einer spürbaren Aufbruchsstimmung im Osten und einer größeren Risikobereitschaft bei jungen Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Piechnick, dessen Unternehmen eine bislang einmalige Software zum einfachen Anlernen von Robotern entwickelt hat und mittlerweile 120 Mitarbeiter*innen aus 15 Ländern beschäftigt, formulierte es so: „Wir müssen unsere Unternehmen, die für die Region entscheidend sind, selbst bauen.“ Er forderte von der Politik, die ansässigen Unternehmen – sowohl kleine Start-ups als auch Globalplayer - stärker als bisher in die regionale Standortentwicklung mit einzubeziehen. „Dann ginge vieles schneller.“ Dem konnte auch Robert Böhme nur zustimmen, der zu bedenken gab, „dass PTS derzeit im Ausland noch mehr Aufmerksamkeit erfahre als regional.“

 

CEOs und Stefanovic

Robert Böhme von der Planetary Transportation Systems (PTS) GmbH aus Berlin (rechts) und Christian Piechnick, CEO und Mitgründer der Wandelbots GmbH mit Sitz in Dresden (Mitte), sprechen mit Dr. Milos Stefanovic, Geschäftsführer der Bürgerschaftsbank Brandenburg, über Chancen für Gründer*innen in den neuen Bundesländern.

 

Strukturwandel unternehmen – regionale Kräfte stärken

Genau hier knüpfte auch die zweite Diskussionsrunde unter der Überschrift „Strukturwandel unternehmen – regionale Kräfte stärken“ an, nachdem Prof. Dr. Uwe Cantner von der Expertenkommission Forschung und Innovation die Teilnehmer*innen des Ostdeutschen Wachstumstages bereits zu Beginn dazu aufgefordert hatte, „die Fachkräfte abzuholen, bevor sie arbeitslos werden und gleichzeitig versteckte Potenziale in den Regionen zu entdecken“. Dem drohenden Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen, sei eine gemeinsame Kraftanstrengung von Politik und Wirtschaft, sagte Olaf Drillich-Saathoff von der Globalfoundries Dresden Module One LLC & Co KG, die erst jüngst als einer der attraktivsten Arbeitgeber in Ostdeutschland ausgezeichnet wurde.

 

Prof. Dr, Uwe Cantner von der Expertenkommission Forschung und Innovation. Foto: VDI Technologiezentrum GmbH

 

Als Vermittlerin zwischen allen Beteiligten versteht sich die futureSAX GmbH. Die Initiative des Landes Sachsens unterstützt und berät junge Unternehmensgründer*innen, knüpft Netzwerke und schafft Sichtbarkeit und Transparenz in Wachstumsprozessen. futureSAX-Geschäftsführerin Marina Heimann ermunterte die Betriebe und Unternehmen, in der Region zu bleiben und zu wachsen. „Denn wenn ich etwas will“, so die bestens vernetzte Managerin, „finde ich Wege. Wenn ich etwas nicht will, finde ich Gründe.“

Bürger*innen müssen Teil der Lösung sein

Gleichwohl dürfe der Weg nach Außen natürlich nicht versperrt bleiben, wie Jürgen Fuchs, Vorsitzender der Geschäftsführung der BASF Schwarzheide GmbH, und Niklas Wiegand, Executive President von Engineering & Maintenance Germany, Bilfinger SE, betonten. Gerade im Bereich der Erneuerbaren Energien wie Wasserstoff sowie in der Mikroelektronik böten die ostdeutschen Bundesländer schon jetzt riesige Wachstumschancen. „Von diesen großen Industriestandorten geht große Strahlkraft aus“, so Wiegand.

 

Horstmann Wiegand

Olaf Drillisch-Saathoff (links), Senior Director Human Resources bei der Globalfoundaries Dresden Module One LLC & Co KG und Niklas Wiegand (Mitte), Executive President von Engineering & Maintenance Germany bei Bilfinger SE diskutieren über regionale Potenziale für das Unternehmenswachstum. Foto: VDI Technologiezentrum GmbH

 

Die BASF Schwarzheide GmbH ist bereits direkt an die Neue Seidenstraße angeschlossen und hat so das Tor zum asiatischen Markt geöffnet. Dies sei jedoch keineswegs eine Einbahnstraße, so Jürgen Fuchs, sondern bedeute vielmehr, nicht länger nur in Wertschöpfungsketten, sondern vielmehr in Wertschöpfungsnetzen zu denken und zu handeln. „Denn wenn es uns gut geht, geht es auch der Region gut. Und umgekehrt.“ Um dies zu erreichen, da waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig, müssen sich auch die Bürger*innen sowohl in den Städten als auch im ländlichen Raum mehr beteiligen können und ihnen das Gefühl vermittelt werden, „dass sie Teil der Lösung sind“, so Marina Heimann. „Wir haben alles, was wir brauchen“, brachte es schließlich Niklas Wiegand auf den Punkt, „jetzt müssen alle Akteure gemeinsam losmarschieren.“ Damit der Strukturwandel im Osten Deutschland eine echte Erfolgsgeschichte wird.

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