Disruptiv denken, von neuen Nutzerbedürfnissen profitieren

Reportage zum 5. virtuellen Unternehmertreffen am 19. August 2021

Von Anja Luckas am 01.09.2021

Es muss nicht unbedingt Berlin sein. Auch in den Flächenländern und anderen ostdeutschen Städten lassen sich für Start-ups beachtliche Wachstumsraten erzielen. Lebendiges Beispiel dafür sind die drei Unternehmen hepster (MOINsure GmbH), Zasta GmbH und BuchhaltungsButler GmbH. Auf dem ersten Unternehmertreffen nach der Sommerpause , stellten die drei ihre Wachstumsstrategien vor. Das Motto: FinTech und InsurTech – Wachstumsstrategien für B2B(2X)-Geschäftsmodelle.

 

Die drei Impulsgeber Christian Range (links oben), Maximilian Zielosko (links unten) und Michael Potstada (rechts) gaben Einblick in ihr Geschäftsmodell und die Wachstumsstrategie. Foto: VDI Technologiezentrum GmbH

 

Um satte 600 Prozent stieg im vergangenen Jahr der Umsatz bei der hepster GmbH mit Sitz in Rostock, die es als eines der wenigen InsurTech-Unternehmen in Deutschland bereits zur Marktreife gebracht hat. Sogar ein Plus von 715 Prozent konnte im Jahr 2020 die Zasta GmbH verbuchen. Das FinTech-Unternehmen hat seinen Sitz ebenfalls in Rostock. Welche unterschiedlichen Strategien sie beim Wachstum verfolgt haben, erläuterten die Unternehmensgründer Christian Range (hepster) und Dr. Michael Potstada (Zasta) beim virtuellen Unternehmertreffen. Aus dem Spreewald zugeschaltet war als dritter Referent Max Zielosko, Geschäftsführer der 2016 gegründeten BuchhaltungsButler GmbH.

Wie groß das Disruptionspotenzial ihrer Finanzinnovationen und digitalen Versicherungsleistungen innerhalb der Branche tatsächlich ist, vermochten die drei Referenten nicht abschließend einzuschätzen. Es gehe auch teilweise nicht um Disruption, sondern um Ergänzung des Angebots etablierter Finanzunternehmen und um Kooperation mit Ihnen. Am Ende des Treffens waren sich jedoch alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der virtuellen Tagung des Dialogs Unternehmen wachsen einig, dass die zunehmende Digitalisierung und die daraus resultierenden veränderten Kundenbedürfnisse erhebliches Potenzial für neue Geschäftsmodelle mit unterschiedlichsten Wachstumsmöglichkeiten auch im internationalen Markt bieten.

 

Rund 35 Teilnehmende hörten die Vorträge der drei FinTech- & InsurTech-Unternehmen und hatten dann Gelegenheit zum Austausch und zur Diskussion. Foto: VDI Technologiezentrum GmbH

 

Auf organisches Wachstum gesetzt

Bewusst gegen Venture Capital haben sich die beiden Gründer von BuchhaltungButler, Max Zielosko und Konrad Nerger entschieden und bei der Entwicklung ihrer auf KI-Technologie basierenden Buchhaltungssoftware-Lösung für kleine und mittelständische Unternehmen fast ausschließlich auf organisches Wachstum gesetzt. Zwar habe man anfangs nach Investoren gesucht, den „enorm zeitaufwendigen Prozess“ jedoch schon bald wieder abgebrochen, so Zielosko beim Unternehmertreffen. Der junge Firmenchef ist überzeugt, „dass sich gerade Start-ups für Fundraising oder die Konzentration auf das Kerngeschäft entscheiden müssen. Beides gleichzeitig geht nicht.“ Als einzige „stille Teilhaber“ mit an Bord der BuchhaltungsButler GmbH sind deshalb die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) sowie die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Berlin-Brandenburg (MGB), von deren Förderprogrammen das junge Unternehmen profitieren und sich so darauf konzentrieren konnte, solide Umsätze zu generieren.

Vertrauen des Kunden ist wichtigstes Wachstumskapital

Einen ähnlichen Werdegang hat auch die Zasta GmbH, die 2017 eher einer spontanen Idee als einem bis ins Detail durchdachten Businessplan entsprungen ist. Eigentlich fachfremd, legten Dr. Michael Potstada und Jörg Südkamp mit der Entwicklung einer digitalen Plattform, auf der sich Nutzer die Höhe ihrer Steuerrückerstattung automatisch ausrechnen lassen und ein unverbindliches Angebot eines Steuerberaters einholen können, „das Fundament für solides Produktwachstum“. „Dieses basiert in erster Linie auf dem Vertrauen der Kunden und Mund-zu-Mund-Propaganda“, erklärte Potstada beim Unternehmertreffen seine Herangehensweise. „Das ist unser wichtigstes Wachstumskapital.“

Weniger entscheidend sei dabei der Standort, so der promovierte Betriebswirt, dessen FinTech-Innovation sich durchaus zu einer „internationalen Informationsdrehscheibe ausbauen ließe“. Mittelpunkt wäre in diesem Fall dann Rostock. Denn schon kurz nach der Gründung der Zasta GmbH 2017 in Berlin siedelte das Start-up aufgrund einer Beteiligung der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern in die Hansestadt um, wo sie heute 27 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

 

In der Regie der Geschäftsstelle des Dialog Unternehmen wachsen wurde das virtuelle Unternehmertreffen live produziert. Foto: VDI Technologiezentrum GmbH

 

Blick nach Europa

Den europäischen Markt hat auch die hepster GmbH bereits fest im Visier. Ziel des 2016 gegründeten Unternehmens ist es, „europaweit eine eigene Versicherungslizenz zu bekommen“, wie Mitgründer und CEO Christian Range beim Unternehmertreffen erläuterte. „Denn wer das als erster schafft, hat tatsächlich die besten Chancen, ein wirklich großes Unternehmen zu werden.“ Derzeit arbeitet die hepster GmbH noch mit den Branchengrößen zusammen, hat Anteilseigner in Paris und London und entwickelt am Standort Rostock mittels einer API-getriebenen (schnittstellenbasierten) Plattform bedarfsorientierte und individualisierbare Versicherungslösungen für ihre Kooperationspartner sowie die Endkunden.

Ergebnis sind bereits 300 eingebettete Versicherungsprodukte („Embedded Insurance“) unter anderem aus den Bereichen Mobilität, Elektronik und Reise. Die Idee dahinter ist ein „situativer Versicherungsschutz nur so lange, wie ich ihn brauche“. Range sieht in diesem kundenorientierten Ansatz, der auf das geänderte, zunehmend digitalisierte Konsumverhalten der Menschen einzahlt, durchaus Disruptionspotenzial innerhalb der Branche, würde sich jedoch noch mehr Geschwindigkeit beim Wachstum wünschen.

Die Voraussetzungen jedenfalls wären bei hepster geschaffen. „Wir denken immer in Szenarien“, so Range auf die Frage einer Teilnehmerin, woran man den richtigen Zeitpunkt erkenne, den nächsten Skalierungsschritt zu gehen. Sein Rat: „Man muss immer auf den nächsten Schritt vorbereitet sein und das Konzept schon Monate vorher in der Schublade haben.“

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