New Work: Mut wird mit Wachstum belohnt

Reportage zum 6. virtuellen Unternehmertreffen am 21. Oktober 2021

Von Anja Luckas am 26.10.2021

Mitarbeiter:innen bestimmen selbst darüber, wann, wo und wieviel sie arbeiten wollen. Die Chefs sind Teil des Teams. Und sogar Selbst-Enteignung der Unternehmer:innen kann Teil der Strategie sein. Das und vieles mehr firmiert unter dem Begriff New Work. Wenn sie im Unternehmen sinnvoll umgesetzt werden, können derartige disruptive Strategien zum Wachstum beitragen. Darüber sprachen am 21. Oktober Philip Siefer, Co-Founder und CEO der einhorn products GmbH, und Marie Friedrich, Vice President People Experience der Chemnitzer Staffbase GmbH, beim virtuellen Unternehmertreffen des Bundeswirtschaftsministeriums.

 

Das virtuelle Unternehmertreffen zum Thema New Work wurde aus dem Medienstudio des VDI Technologiezentrum übertragen. Durch die Veranstaltung führten die Leiterin der Geschäftsstelle des Dialog Unternehmen wachsen, Silke Stahl-Rolf und ihr Stellvertreter, Oliver Arentz. Foto VDI TZ GmbH

 

Eigentlich ist der Begriff New Work gar nicht neu, sondern bereits gut ein halbes Jahrhundert alt. Ende der 1970er Jahre von dem Sozialphilosophen Frithjof Bergmann als Gegenentwurf zum Kapitalismus entwickelt, ist die neue Art des Arbeitens allerdings erst jetzt tatsächlich in der Gesellschaft angekommen. Heute ist New Work ein Sammelbegriff, mit dem verschiedene, meist alternative Arbeitsmodelle und –formen bzw. individualisierte und persönlichere Arbeitsbedingungen umschrieben werden.

Die Staffbase GmbH ist ein Berliner Start-up, das durch seine Plattform für Mitarbeiter-App und Intranet neue Maßstäbe im Bereich New Work setzen will. Die bislang größte Finanzierungsrunde gelang Staffbase in diesem Frühjahr mit 122 Millionen Euro. Unter anderem zählen namhafte Firmen wie Adidas, Viessmann und Paulaner zu den Kunden des Unternehmens, das heute knapp 500 Mitarbeiter:innen in fünf Ländern beschäftigt.

Erholungsmonat zur Steigerung der Effektivität

Homeoffice, neben Work-Life-Balance und Work-Life-Blending einer der am häufigsten genannten Begriffe im Zusammenhang mit New Work, war für sämtliche Beschäftigten des Chemnitzer Unternehmens schon immer eine Option. Nach der Fusion mit der kanadischen Bananatag allerdings „stand die physische und mentale Gesundheit unserer Mitarbeiter:innen auf dem Spiel“, erläuterte Marie Friedrich in ihrem Impulsreferat, wie die Staffbase GmbH im Sommer aus der Not eine Tugend gemacht und als zusätzlichen Benefit für die Mitarbeiter:innen einen „Erholungsmonat“ eingeführt hat.

Das heißt: An jedem Freitag im August blieben die deutschen Staffbase-Büros geschlossen und die Mitarbeiter:innen offline. Das Ergebnis dieses Experiments werteten die Unternehmensleitung und die Mitarbeiter:innen als positiv. Denn tatsächlich, so Friedrich, nutzen drei Viertel aller Beschäftigten die zusätzlichen vier Urlaubstage um „durchzuatmen und die Batterien aufzuladen“. Gleichzeitig wurde an den anderen Tagen „effektiver gearbeitet“.

 

Marie Friedrich, VP People Experience bei der Staffbase GmbH, hat gute Erfahrungen mit disruptiven Veränderungen bei der Strukturierung der Arbeit und der Meeting-Policy in ihrem Unternehmen gemacht. Foto: staffbase GmbH.

 

Zudem wurden verkrustete Strukturen auf den Prüfstein gestellt: „Wir alle haben insbesondere unsere Meeting-Policy grundlegend in Frage gestellt und unsere Tage neu strukturiert“, so Friedrich zusammenfassend. Oder, wie es Silke Stahl-Rolf, Leiterin der Geschäftsstelle des Dialog Unternehmen wachsen in ihrer Moderation ausdrückte: „Das, was anfangs für unmöglich gehalten wurde, war plötzlich nicht nur möglich, sondern auch hilfreich.“ Man müsse eben manchmal einfach mutig sein und Arbeit anders denken.

Kompetenzbasierte Hierarchie als neue Form des Leadership

Als Visionär hatte sich zuvor bereits Philip Siefer von der einhorn products GmbH aus Berlin präsentiert, dessen Unternehmen vegane Kondome in von Designern gestalteten Chipstüten vertreibt. Sein Leitmotiv, das er einem Buchtitel entliehen hat, lautet: „New Work needs inner work“. Konkret bedeutet dies, dass die Chefs des 2014 gegründeten Unternehmens irgendwann nicht mehr die Chefs, sondern lediglich Teil des 22-köpfigen Teams waren. Dass die Mitarbeiter:innen selbst entscheiden, wieviel sie arbeiten, wann sie Urlaub machen und wieviel sie verdienen wollen. Und sie übernehmen Verantwortung.

Was für die Teilnehmer:innen des Unternehmertreffens anfangs wie eine futuristische „Schöne neue Welt“ wirkte, schafft für Siefers und seinen Mitgründer Waldemar Zeiler jedoch vor allem eins: Vertrauen. Und Motivation. Schließlich habe man im Vorfeld dieses Transformationsprozesses „das eigene Arbeitsumfeld genau unter die Lupe genommen und sich gefragt, wie wir selbst arbeiten wollen. Und wir haben den Blick von außen nach innen gerichtet.“ Herausgekommen sei so eine „kompetenzbasierte Hierarchie“, in der man gegenseitiges Vertrauen hat und sich an Regeln hält, um ans Ziel zu gelangen.

 

Philip Siefer von der einhorn products GmbH aus Berlin verfolgt einen radikalen New Work Kurs für sein Unternehmen. Er reinvestiert alle Gewinne und darf als Gründer keine Profite mehr entnehmen. Das soll Vertrauen der Belegschaft aufbauen. Foto: einhorn products GmbH

 

Selbst-Enteignung der Unternehmer:innen für uneingeschränktes Vertrauen

Der radikalste und vielleicht wichtigste Schritt dieser neuen Unternehmensphilosophie aber sei schließlich die Selbst-Enteignung gewesen, erläuterte Siefer den erstaunten Zuhörer:innen. So ist die einhorn products GmbH heute ein Unternehmen in treuhänderischem Eigentum. Das heißt, dass alle Gewinne zu 100 Prozent reinvestiert werden und die Gründer keine Profite mehr entnehmen können. Auch dürfen sie das Unternehmen nicht verkaufen, da es ausschließlich sich selbst – also quasi allen – gehört.

Dieses „Von 20 Millionen auf Null“ sei sicher mutig gewesen, gab der junge New-Work-Unternehmer zu. Es sei aber letztlich nur konsequent gewesen, um einerseits das Vertrauen der Mitarbeiter:innen zu gewinnen und gleichzeitig ihre Motivation zu stärken. Er forderte deshalb auch Zweifler auf, sich mit neuen Arbeitsformen auch in größeren Unternehmen stärker auseinanderzusetzen und erste kleine Schritte auf dem Transformationsprozess in die Zukunft der Arbeit zu wagen.

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