Arbeitgeberattraktivität erhöhen - Rostock 2019

Die Medizintechnikbranche Deutschlands ist sehr erfolgreich. Die meisten Hersteller sind allerdings in Süddeutschland angesiedelt. Die Firma Cortronik dagegen hat sich von ihrem Standort in  Mecklenburg-Vorpommern über ihren Mutterkonzern – der Biotronik - auf internationalen Märkten durchgesetzt. In zwanzig Jahren ist der Produzent von Gefäß-Stents von drei auf rund 350 Mitarbeiter angewachsen. Am Firmensitz in Rostock-Warnemünde konnten die Teilnehmer eines Unternehmertreffens im Rahmen des Dialogs „Unternehmen: wachsen“ von dieser Erfolgsgeschichte lernen und sich zu der dahinter liegenden Wachstumsstrategie austauschen. Im Fokus der Veranstaltungsreihe des Bundeswirtschaftsministeriums stand diesmal die Frage, wie man dem Fachkräftemangel in den neuen Bundesländern erfolgreich entgegentritt.

Seit über einhundert Jahren schlägt das Herz der deutschen Medizintechnikbranche in Süddeutschland. Branchencluster haben dort klangvolle Namen wie Medical Mountains oder Medical Valley in Anlehnung an das kalifornische IT-Gründertal. Das hat die Gründer der Firma Cortronik im Jahr 1998 nicht davon abgehalten, ganz im Nordosten Deutschlands – direkt an der Ostseeküste – mit der Produktion von Hightech-Medizinprodukten zu beginnen.

Geschäftsführer Carsten Momma ist als einer von den drei ersten Mitarbeitern von Anfang an mit dabei. Auf dem Unternehmertreffen erinnerte er sich an die Anfänge: „Wir haben praktisch in einer Garage angefangen. In den neunziger Jahren hatte die amerikanische Zulassungsbehörde FDA gerade die ersten Stents in den USA zugelassen. Damals eine ganz neue Behandlungsform von verengten Herzkranzgefäßen.“ Momma brachte damals seine Erfahrung in der Mikrobearbeitung von Metallen mittels Laserverfahren ins Unternehmen ein: „Wir haben ein halbes Jahr gebraucht bis wir mit der neuartigen Methode unseren ersten funktionstüchtigen Stent geschnitten hatten. Im Jahr 2000 sind wird dann mit schon 20 Mitarbeitern in ein neues Gebäude gezogen.“

Erfolgsfaktoren: Kooperation, Innovationsforschung und Arbeitgeberattraktivität

Beim Unternehmertreffen zeigt Momma den rund zwanzig Interessierten wie die Firma in Warnemünde immer weiter gewachsen ist. Zum 20-jährigen Jubiläum im vergangenen Jahr kündigte das Unternehmen mit inzwischen rund 350 Mitarbeitern die nächste Expansion an. Eine Erfolgsgeschichte, die es in Ostdeutschland noch öfter geben sollte. Deshalb ist es das Ziel des vom Bundeswirtschaftsministerium ausgerichteten Unternehmertreffens, dass die Teilnehmer von den Erfahrungen erfolgreicher Unternehmern lernen und profitieren können.

Im Fall von Cortronik sieht Momma die frühzeitige Vernetzung und Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen als wichtiges Erfolgskriterium: „Wir haben von Anfang an eng mit dem Institut für Biomedizinische Technik der Universität Rostock kooperiert. Das hat uns als Unternehmen in einem forschungsintensiven Bereich bei der Etablierung von Innovationen sehr geholfen“, sagt Carsten Momma.

Intensive Forschung und Innovationskraft sind für Momma die zentralen Erfolgsfaktoren. Das Ergebnis sind Produkte wie der medikamenten-beschichtete Stent Orsiro, der inzwischen als medizinischer Goldstandard gilt und an dem die Konkurrenz gemessen wird. 2018 hat Cortronik weltweit fast eine Million Stents produziert. Als wichtiges Kriterium für unternehmerisches Wachstum stellte Momma zudem die Attraktivität des Unternehmens für Fachkräfte heraus. Man sei sich der Ausganglage bewusst: Viele junge Fachkräfte wandern aus den ländlichen Gebieten der neuen Bundesländern in die Metropolen wie Hamburg, Berlin oder München ab.

Strauß an Maßnahmen, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten

Der Konkurrenzdruck um die Fachkräfte in Mecklenburg-Vorpommern sei spürbar, so Momma. Cortronik setze daher auf einen „bunten Blumenstrauß“ an Maßnahmen. Zunächst biete man über den Kontakt zur Universität Forschungsarbeiten und –stipendien für Studierende an, die man frühzeitig an das Unternehmen binden wolle. Darüber hinaus habe man sich vor einiger Zeit intensiver mit Stellenportalen im Internet beschäftigt, so Momma: „Wir haben zum Beispiel gute Erfolge mit der Optimierung unseres Auftritts bei der Jobbörse Indeed und mit Anzeigen in lokalen Szenezeitschriften gemacht.“

Daneben sind weitere eher weiche Faktoren ausschlaggebend für die erfolgreiche Akquise von neuem Personal, aber auch die Zufriedenheit der vorhandenen Fachkräfte und damit die Bereitschaft möglichst lange zu bleiben. Dazu gehören unter anderem ein funktionierendes Gesundheitsmanagement, flexible Arbeitszeiten oder auch Initiativen wie das Bike-Leasing oder der Zuschuss zu Tickets des öffentlichen Nahverkehrs. Ein Pluspunkt von Cortronik ist zudem, dass das Unternehmen zur Biotronik-Unternehmensgruppe mit Sitz in Berlin, der Schweiz und internationalen Standorten gehört. Die Mitarbeiter haben dadurch die Möglichkeit, auch international Erfahrungen zu sammeln und für einige Zeit im Ausland zu arbeiten, ein Aspekt der für viele Fachkräfte als Karrierechance wahrgenommen wird.

Bildungswerk der Wirtschaft als Kooperationspartner für Arbeitgeberattraktivität

Hilfe für Unternehmen, die Fachkräfte gewinnen oder – mindestens genauso wichtig – halten wollen bietet in Rostock unter anderem das Bildungswerk der Wirtschaft Mecklenburg-Vorpommern. Auf dem Unternehmertreffen stellte der Verbund drei Initiativen vor, die in puncto Arbeitgeberattraktivität beispielhaft sind. In einer ersten Maßnahme können Unternehmer Studierende der Hochschulen Stralsund und Neubrandenburg für Projekte gewinnen. Die Studierenden organisieren und erarbeiten weitgehend eigenständig ein Projekt für die Firma, liefern neuen Input und machen so selbst erste unternehmerische Erfahrungen.

Ein weiteres Projekt des Bildungswerks ist ein Mentoringprogramm für weibliche Führungskräfte oder Mitarbeiterinnen, die in naher Zukunft eine Führungsposition übernehmen sollen. Die Unternehmen profitieren von den zusätzlichen Qualifikationen, die ihre Mitarbeiterinnen erhalten. Darüber hinaus bietet das Bildungswerk den Unternehmen Beratung in puncto flexibler Arbeitszeitmodelle und zum Wissenstransfer im Unternehmen an. Flexiblere Arbeitszeiten oder Teilzeitarbeit gewinnen für Arbeitnehmer immer weiter an Bedeutung, so die einhellige Meinung.

Internationalisierung führt zu überregional attraktivem Lohnniveau

Bewusst für Mecklenburg-Vorpommern hat sich Dr. Henrik Teller entschieden. Er wollte nach seinem Studium und einer ersten Anstellung in Nordrhein-Westfalen wieder zurück in die Heimat und hat die Firma micromod vom Vater übernommen und weiterentwickelt. Die micromod Partikeltechnologie GmbH mit rund 14 Mitarbeitern verkauft Nanopartikel und Mikropartikel für unterschiedlichste Anwendungen im Bereich Life Sciences. 70 Prozent der Produktion gehen in die USA und Asien. Durch die Erschließung internationaler Absatzmärkte hat es die micromod GmbH geschafft, sich auf dem Gebiet der Nanotechnologie als bewährter Zulieferer von partikelbasierten Systemkomponenten für in vitro Diagnostika, Hochdurchsatz-Screening, magnetische Bioseparation, und Zellmarkierung sowie als zuverlässiger Partner bei der Entwicklung neuer Kontrastmittel (MRI, MPI) und in der Krebstherapie (Hyperthermie) zu etablieren. In einer Umfrage hätten die Mitarbeiter die gute Atmosphäre, ein hohes Maß an eigener Verantwortung und das attraktive Gehalt sowie die schnelle Entfristung als Hauptgründe für ihre Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber angegeben. Zudem lockt die dynamische Firma mit hervorragenden Arbeitsbedingungen für Berufseinsteiger.  

Diskussion zu verschiedenen Ansätzen der Fachkräftegewinnung

In der anschließenden Dialogrunde diskutierten die Unternehmer über branchenspezifische Herausforderungen und Chancen zur Gewinnung und Bindung von Fachkräften. Die Unternehmer hatten die Möglichkeit den Vertretern des Bundeswirtschaftsministeriums ihre Herausforderungen zu schildern. Deutlich wurde dabei, dass diese Herausforderungen auch von der jeweiligen Branche abhängen und es keine Schablone dafür gibt, wie man Fachkräfte gewinnen kann. Gerade in vermeintlich unattraktiven Berufen sind die Herausforderungen größer als in attraktiven Branchen wie der Medizintechnik.

Chancen wurden in der Bildung von unternehmerischen Netzwerken und der Ansprache von Studierenden und Rückkehrern gesehen. Für eine bessere Bindung potenzieller oder auch bereits im Unternehmen beschäftigter Mitarbeiter müssten die Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern besonderes Engagement aufbringen und für eine attraktive Umgebung und Atmosphäre sorgen. Bei der abschließenden Führung durch die Produktionsanlagen der Firma Cortronik bekamen die Teilnehmer des Unternehmertreffens spannende Einblicke in die hochsensible und moderne Produktion von Medizinprodukten wie Stents oder künstlichen Herzklappen.

von Tim Gabel

               

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