Maßgeschneiderte Finanzierungsmodelle für den Wachstumsprozess

unternehmertreffen jena

Im Mittelpunkt des 3. Unternehmertreffens „Unternehmen: wachsen“ am 29.8.2017 bei der Analytik Jena AG standen Modelle zur Finanzierung des Wachstumsprozesses. Deutlich wurde dabei: gerade anorganisches, rasches Wachstum und die Erschließung von Auslandsmärkten erfordern innovative Finanzierungslösungen, bei denen neue Wege beschritten und bisher noch nicht am Unternehmen beteiligte Partner „mit ins Boot“ geholt werden.

In ihrer Einführung wies Frau PStS’in Iris Gleicke auf die komplexen Herausforderungen hin, die sich ostdeutsche Unternehmen gegenüber sehen: da sie im Schnitt kleiner sind, als Unternehmen in Westdeutschland, haben sie weniger personelle aber auch finanzielle Ressourcen für Strategieentwicklung, Internationalisierung oder Innovation. Insofern bedarf es unternehmerischen Wachstums, um diese Herausforderungen zu überwinden. Wie dies gelingen kann, ist Thema des Dialogs „Unternehmen: wachsen“ mit seinen Unternehmergesprächen. Die bisherigen Erfahrungen des Dialogs haben gezeigt, dass gerade die Zusammenarbeit mit Multiplikatoren vor Ort wie etwa den Kammern und Wirtschaftsförderern, Clusterinitiativen oder auch den Mittelstand 4.0 Kompetenzzentren die Breitenwirkung der Unternehmergespräche erhöht. Mit Blick auf die Finanzierungsherausforderungen, die Wachstumsprozesse mit sich bringen, spielen regionale Finanzierungsakteure wie die Beteiligungsgesellschaften der Länder oder Förderbanken eine wichtige Rolle.

Einen gelungenen Auftakt zum Unternehmergespräch bot ein Unternehmensrundgang, bei der die Produkte und vielfältigen Anwendungsfelder der Analytik Jena AG vorgestellt wurden.

Mit Partnern wachsen

Die Wachstumsgeschichte des Gastgebers des Unternehmertreffens „Unternehmen: wachsen“, die vom Vorstandsvorsitzenden der Analytik Jena AG Ulrich Kraus und Gründer und Aufsichtsrat Klaus Berka vorgestellt wurde, zeigt sehr eindrucksvoll, wie Wachstum und neue Finanzierungsmodelle miteinander einhergehen.

Analytik Jena ist Spezialist für die Herstellung von analytischer und bioanalytischer Messtechnik. Gegründet wurde die Analytik Jena AG 1990 als eines der ersten Unternehmen in Jena nach der Wende. Damals waren drei Mitarbeiter für das Unternehmen tätig; im Jahr 2015 waren es weltweit mehr als 1100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Der global agierende Konzern, der in mehr als 120 Ländern vertreten ist, erwirtschaftet rund drei Viertel seiner Umsätze im Ausland. Produkte des Unternehmens werden in über 70 Ländern verkauft. Dieses Auslandsengagement war der Wachstumsmotor für Analytik Jena, denn, so Klaus Berka, ein substanzielles Wachstums ist insb. im Technologiebereich alleine auf den heimischen Märkten nicht möglich.

Durch den Börsengang konnten im Juli 2000 20 Millionen Euro mobilisiert und dadurch ein entscheidender Wachstumsimpuls gegeben werden. Heute gehört Analytik Jena zu 100% zur Schweizer Gruppe Endress+Hauser. Durch das Zusammengehen mit Endress+Hauser konnten die notwendigen Ressourcen und Kontakte mobilisiert werden, um auf internationalen Märkten bestehen zu können. Gleichzeitig gelang es, das Unternehmen als regionalen Akteur mit eigenem Profil fortbestehen zu lassen. „Neue Partnerschaften einzugehen – auch in Finanzierungsfragen – war für die Analytik Jena ein Schlüssel zum Erfolg. Endress+Hauser erwies sich insofern als Glücksfall, als das Unternehmen die Stärke eines internationalen Konzerns mit 2,1 Milliarden Euro Jahresumsatz mit der Kultur eines Familienunternehmens, die gut zu Analytik Jena passt, verbindet“ fasste Klaus Berka die Eckpunkte der Wachstumsgeschichte des Unternehmens zusammen.

Von der Crowdinvestment – Kampagne zur Wachstumsstrategie

Ebenfalls auf neue Partner setzte die Firma oncgnostics GmbH, deren Wachstums- und Finanzierungsgeschichte von CEO Dr. Alfred Hansel präsentiert wurde.

oncgnostics wurde Anfang 2012 aus der Klinik für Frauenheilkunde des Universitätsklinikums Jena ausgegründet. Angeboten werden epigenetische Marker zur Gebärmutterhalskrebs-Diagnostik. Mit dem GynTect Test, der im Herbst 2016 europaweit als Medizinprodukt zur Diagnostik von Gebärmutterhalskrebs zugelassen wurde, geht oncgnostics einen völlig neuen Weg. Neben dem Nachweis von Gebärmutterhalskrebs könnte die Innovation zukünftig auch bei der Diagnose weiterer Erkrankungen zum Einsatz kommen, etwa bei Kopf-Hals-Tumoren und Eierstockkrebs.

Das Innovations- und Marktpotenzial von GynTect zeigt sich auch im großen Interesse von Investoren. Zu Ihnen gehören der High-Tech Gründerfonds, die Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung Thüringen (STIFT), die bm|t beteiligungsmanagement thüringen GmbH, die Sparkasse Jena und die ITAI Invest GmbH Johannesberg. Im August letzten Jahres konnte oncgnostics im Rahmen einer Crowdinvesting-Kampagne zusätzlich 500.000 Euro von über 400 Seedmatch-Investoren für die weitere Forschung, Entwicklung und den internationalen Vertriebsausbau einsammeln, die zusätzlich von der bm|t Anfang 2017 in gleicher Höhe gespiegelt wurden, so dass dem Unternehmen insgesamt 1 Million Euro zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung standen.

Die Vorteile der Crowdinvesting Kampagne brachte Herr Dr. Hansel wie folgt auf den Punkt: „Es ging nicht nur darum, neue finanzielle Mittel zu erhalten; das Unternehmen durchlief aufgrund der Kampagne auch einen intensiven Strategieprozess, an dessen Ende sich oncgnostics neu präsentiert hat.“

Zugleich stieg die internationale Sichtbarkeit des Unternehmens, das in Zukunft insbesondere auf Lizenzvereinbarungen mit internationalen Partnern setzen wird. Bereits im April 2017 unterzeichnete das Unternehmen eine Lizenzvereinbarung mit dem Pharmaunternehmen „Changchun Jienuo Medical Technology“ (CJMT), einer Tochter des SINOPHARM-Konzerns, mit über 100.000 Mitarbeitern und über 35 Milliarden Euro Umsatz in 2016 eines der größten Pharmaunternehmen weltweit, zur Vermarktung von GynTect auf dem chinesischen Markt. In einem vier Meilensteine umfassenden Vertrag ist geregelt, wie die Zulassung der China Food and Drug Administration (CFDA) für GynTect innerhalb von drei Jahren erlangt werden soll. oncgnostics erhält hierfür Upfront- und Meilensteinzahlungen sowie eine Beteiligung an zukünftigen Umsätzen.

Alternativen zur Bankenfinanzierung

Wie innovative Finanzierungskonzepte für anorganisches Wachstum, etwa durch den Zukauf eines Unternehmens, funktionieren, zeigte Michael Keitz, Geschäftsführer der QSIL GmbH Quarzschmelze Ilmenau, anhand des Erwerbs der Quarz- und Spezialglasproduktion von Philips.

Die im Jahr 1992 gegründete QSIL GmbH Quarzschmelze Ilmenau ist ein innovatives, weltweit tätiges Unternehmen der Spezialglasherstellung, das als einer der wenigen Quarzglashersteller auf die Produktion von runden Geometrien und Sonderanfertigungen spezialisiert ist. Wichtigste Märkte sind neben der Halbleiter- und Photovoltaikindustrie auch die Lichtquellenindustrie, die chemische Industrie im Bereich der Analytik, Hochtemperaturprozesse sowie die Polysiliziumherstellung. QSIL verfügt über eine global diversifizierte Kundenbasis. Zu den Kunden zählen weltweit tätige Großunternehmen aus Europa, Asien und Amerika. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz und Produktionsstandort in Langewiesen bei Ilmenau sowie eine Vertriebsniederlassung in den USA. QSIL erwirtschaftete im Jahr 2016 mit ca. 160 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 27 Millionen Euro.

Im Jahr 2016 erwarb das Unternehmen die Quarz- und Spezialglasproduktion von Philips Lighting am niederländischen Standort Winschoten. Die neue QSIL-Gruppe beschäftigt insgesamt ca. 350 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Umsatz von ca. 70 Millionen Euro. QSIL schließt damit zu den großen Wettbewerbern im Quarzglas-Markt auf.

Finanziert wurde der Unternehmenserwerb durch ein Finanzierungskonsortium, das erstmalig in der Finanzierungsgeschichte des Unternehmens nicht durch eine Bank sondern durch einen Private Debt Fund angeführt wird. Private Debt umfasst Finanzierungsmittel, die überwiegend von institutionellen Investoren wie Fondsgesellschaften und Versicherungen angeboten werden. Der Vorteil von Private Debt Funds ist vor allem Flexibilität, etwa bei den Pflichttilgungen, den Laufzeiten oder bei unternehmerischen Sondersituationen. Sie unterliegen nicht den Bankenregularien und ermöglichen damit mehr Handlungsspielraum. Insofern bieten sie sich gerade für mittelständische Unternehmen im Wachstumsprozess an, auch wenn diese Flexibilität einen höheren Zins bedeutet.

Begleitet wurde der Finanzierungsprozess durch einen Corporate Finance Berater. Dieser erwies sich als ein wesentlicher Schlüssel für den Finanzierungserfolg – ein Ergebnis das von den Teilnehmenden des Unternehmensgesprächs, die ebenfalls Beratung für die Finanzierung in Anspruch genommen hatten, bestätigt wurde.

Mit neuen Partnerschaften neue Wege einschlagen

In der sich anschließenden lebhaften Diskussion reflektierten die 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die vorgestellten Finanzierungsmodelle vor dem Hintergrund ihrer eigenen Wachstumsgeschichte. Neue Partnerschaften einzugehen, so das Fazit, ist ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg. Finanzierung ist dabei ein Baustein für die Wachstumsstrategie. Weitere Bausteine sind neben einer hohen Innovationsfähigkeit eine wertschätzende Personalpolitik, leistungsfähige Prozesse, die das Wachstum mittragen, und internationales Engagement, das von Vertriebsstrukturen im Ausland über ausländische Niederlassungen und Lizenznehmer bis zum Erwerb von Unternehmen reichen kann.

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